Urs Knoblauch Kulturpublizist

Naturrecht – Die Grundlage von Recht und Frieden

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Im Auftrag der Johannes-Messner-Gesellschaft wurde an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz in Österreich der Sammelband «Das Naturrecht – Quellen und Bedeutung für die Gegenwart» von Herbert Pribyl und Christian Machek herausgegeben (Be&Be-Verlag Heiligenkreuz 2015). Dies ist sehr verdienstvoll, denn die Thematik ist, in Anbetracht der zunehmenden Relativierung und Verletzung des Rechts in den verschiedenen gesellschaftlichen und staatlichen Bereichen, hochaktuell. Die Beiträge machen deutlich, dass das Naturrecht eine entscheidende Grundlage für eine allgemeingültige Rechtskultur und ein friedfertiges und gerechtes Zusammenleben der ganzen Menschheitsfamilie bedeutet. Es bildet die Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 und des Völkerrechts insgesamt.

Ein grosser Vorzug ist die klare Position der Autoren, die ohne Opportunismus gegenüber dem Zeitgeist der postmodernen Beliebigkeit, der Dekonstruktion und des Ökonomismus die Grundzüge der christlich-humanistischen Kulturtradition darlegen. Das Naturrecht hat in der katholischen Gesellschafts- und Soziallehre eine zentrale Stellung und verdient wieder grössere Beachtung. Kardinal Schönborn schreibt im Grusswort: «Das Naturrecht gehört seit vielen Jahrhunderten zum kulturellen Erbe Europas. […] Papst Benedikt XVI. verteidigte in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag (22. September 2011) die katholische Tradition des Naturrechts gegen den heute weit verbreiteten Rechtspositivismus.» (S. 11) Ebenso weisen die Herausgeber einleitend darauf hin, dass das Naturrecht in der «Wesensnatur des Menschen» zu finden ist. Der heilige Paulus (Röm 2, 14– 16) sagt: Das Naturrecht «ist uns allen ins Herz geschrieben». (S. 13)


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Dem journalistischen Berufsethos und der politischen Kultur der Demokratie gerecht werden


von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen/TG

Beim Besuch der Buchmesse in Leipzig stösst man nicht nur auf wertvolle Neuerscheinungen, sondern kommt auch in Kontakt mit den Autoren und dem interessierten Publikum. So gab beispielsweise die Buchpräsentation von Uwe Krügers neuem Buch «Mainstream – warum wir den Medien nicht mehr trauen» einen aktuellen Einblick in die transatlantisch eingebundenen Leitmedien, in die damit zusammenhängenden Arbeitsbedingungen der Journalisten und verwies auf die wachsende Anzahl kritischer Nutzer der Medien.

Uwe Krüger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Journalistik an der Universität Leipzig. Seine Dissertation von 2011 erschien unter dem Titel «Meinungsmacht – der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerk­analyse» 2013 in der Reihe des Instituts für praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung (IPJ).
In seinem neu erschienenen Buch wird sehr differenziert auf den berechtigten Vertrauensverlust und die problematischen Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnisse des heutigen Journalismus eingegangen. Ebenso werden die politisch-wirtschaftlichen Einbindungen der Eliten und Leitmedien sehr anschaulich dargestellt.

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Die Bilder sagen uns:

«Wir wollen keinen Krieg, wir wollen Frieden!»

Zur Kunstausstellung «Der Himmel brennt am Horizont – Kunst in der Ostschweiz im Banne des 2. Weltkrieges» im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen/TG

Die wunderschöne ehemalige Klosteranlage der Kartäuser aus dem 15. Jahrhundert ist in die idyllische Thurlandschaft eingebettet. Die Gebäude, der grosse Garten und die Barockkirche wurden ab 1977 vom Kanton Thurgau durch eine Stiftung vorbildlich, unter dem Motto «erhalten und beleben», restauriert, umgenutzt und zu einem kulturellen Zentrum ausgebaut. Die Anlage ist bis heute der Stolz des Kantons. Sie beherbergt neben dem Museum, Gästehäusern und Seminarräumen einen grossen Landwirtschaftsbetrieb mit Verkaufsladen, eine Buchbinderei und ein Restaurant in der alten Mühle. «Das Betriebskonzept orientiert sich an klösterlichen Werten, Kultur, Spiritualität, Bildung, Fürsorge, Gastfreundschaft und Selbstversorgung.» In den Bereichen Weinbau, Käserei, Land- und Forstwirtschaft und Gärtnerei sind über sechzig betreute Mitarbeiter tätig.

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Zur Notwendigkeit der ethischen und kulturellen Dimension in der Bildungsdebatte

Gedanken zum lesenswerten Buch «Geisterstunde – Die Praxis der Unbildung» von Konrad Paul Liessmann

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist und Gymnasiallehrer, Fruthwilen TG

In der gegenwärtigen Diskussion über Schule, Bildung und Lehrpläne wird von der Eltern- und Lehrerschaft und besonders von der Arbeitswelt immer wieder auf die fehlenden notwendigen Werthaltungen im Zusammenwirken hingewiesen. Auch die nötigen Fähigkeiten, der Einsatz und die Begeisterung für eine Sache fehlen da und dort. Dabei werden immer auch die zentralen Aufgaben von Schule und Elternhaus angesprochen: Wozu eigentlich eine gute Bildung? Aber auch staatspolitische Fragen werden von Eltern und dem Gewerbe immer wieder gestellt: Wofür werden eigentlich die Millionen an Steuergeldern ausgegeben?
In dieser wichtigen Debatte der demokratischen und staatspolitischen Meinungsbildung leistet das Buch «Geisterstunde» von Prof. Konrad Paul Liessmann, gerade auch in bezug auf den für 21 Schweizer Kantone geplanten zentralistischen Lehrplan 21, einen wertvollen Beitrag. Der Autor lehrt am Institut für Philosophie der Universität Wien, ist Essayist und Kulturpublizist. 2003 erhielt er den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels und 2010 den Donauland-Sachbuchpreis. Er ist auch Herausgeber der Reihe «Philosophicum Lech». Seine beiden letzten Veröffentlichungen waren «Das Universum der Dinge» (2010) und «Lob der Grenze» (2012).

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Das gute Buch als Kulturgut fördern und erhalten

Der «Büecher-Chorb» – Ein Beispiel einer genossenschaftlichen Buchhandlung als wertvolle Bereicherung der Gemeindekultur und Persönlichkeitsbildung

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist und Gymnasiallehrer, Fruthwilen TG

Seit vielen Jahren besteht die genossenschaftliche Buchhandlung Büecher-Chorb in Aadorf im Kanton Thurgau. Die erfahrene Buchhändlerin Gisela Hassenstein hat zusammen mit am guten Buch interessierten Eltern, Lehrern, Freunden und Bücherliebhabern den Büecher-Chorb als Genossenschaft gegründet und aufgebaut. Die Ethik des ehrenamtlichen und freiwilligen Zusammenwirkens der Genossenschafter für ein kulturell so wertvolles Anliegen war der Antrieb, dass sie trotz des damit verbundenen bescheidenen Verdienstes, einen Beitrag zum Gemeinwohl und zur Kultur in ihrer Gemeinde leisten kann. Das genossenschaftliche Zusammenwirken zum Allgemeinwohl hat gerade in unserer Kultur und in unserem direktdemokratischen Staatswesen der Schweizerischen Eidgenossenschaft eine lange Tradition. Es ist eine soziale Lebensform, um die Lebensaufgaben gut und gemeinsam zu bewältigen. Die gegenseitige Hilfe und «Einer für alle, alle für einen» sind die Grundanliegen einer Genossenschaft, sie entsprechen auch der sozialen Natur des Menschen. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten kann der Einzelne seinen verantwortlichen Beitrag leisten. Es darf nicht sein, dass Konkurrenz, reine Gewinnmaximierung und wenige Grossverlage den Buchmarkt steuern und beherrschen.

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Eigenständig, innovativ und weltoffen –

dem Ausbildungs- und Werkplatz Schweiz Sorge tragen

Zum Bildtextband «Ingenieure bauen die Schweiz – Technikgeschichte aus erster Hand»

von Urs Knoblauch, Gymnasiallehrer und Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Die Neuerscheinung «Ingenieure bauen die Schweiz – Technikgeschichte aus erster Hand» der Herausgeber Franz Betschon, Stefan Betschon, Jürg Lindecker und Willy Schlachter (Verlag Neue Zürcher Zeitung 2013) und der fünfzig Koautoren erscheint zum richtigen Zeitpunkt. Zu stark werden heute die Banken und die Versicherungen ins Zentrum gestellt, obwohl sie nur einen minimalen Beitrag zum Bruttosozialprodukt beisteuern. Der überwiegend grösste Teil unseres Wohlstands wird durch die produzierenden Wirtschaftsunternehmen, durch ehrliche und solide Arbeit, durch unsere vielfältigen KMU-Betriebe erarbeitet. Es sind gerade nicht die Banken, Börsen und Aktienmärkte, die unser Gemeinwohl ausmachen. In diesem Sinn weisen die Autoren des Buches auch darauf hin, dass die Schweiz nicht zu einem Dienstleistungsland aus Informatikern, Pflegern und Anlageberatern werden darf.

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«Die Werte des Friedens stärken»

Rückblick auf ein Schulprojekt und eine Ausstellung zu Albert Schweitzers Ethik anlässlich «100 Jahre Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene, 1913–2013»

von Urs Knoblauch, Gymnasiallehrer und bildender Künstler, Fruthwilen TG

Albert Schweitzers Ethik und Wirken be­inhaltet gültige Werte der Menschlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit, des verantwortungsvollen Umgangs mit den Schätzen der Natur und eine Kultur des Friedens. Die Aufgaben unserer Zeit erfordern ein Nachdenken über die Grundlagen der christlich-abendländischen Kultur, den Reichtum unserer kulturellen Vielfalt und die tragenden Werte unseres Zusammenlebens. Die Menschen möchten in Gleichwertigkeit, in Frieden und im Sinne des Völkerrechts, der Uno-Charta und des Allgemeinwohls leben und ihren Beitrag leisten. In diesem Sinn ist auch der hier dargestellte Rückblick zu verstehen.

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Von der Notwendigkeit, Schule und Elternhaus wieder mehr in ihrer staatspolitischen Verantwortung und Aufgabe zu stärken

von Urs Knoblauch, Gymnasiallehrer und Kulturpublizist, Fruthwilen TG

In meiner langjährigen Schulerfahrung, meiner wertvollen kontinuierlichen und persönlichen Weiterbildung und im Kontakt mit der Eltern- und Lehrerschaft ist mir immer bewusster geworden, wie wichtig neben den fachspezifischen Schwerpunkten auch eine positive Identifikation mit unserem schweizerischen Staatswesen ist. Die Schulen sollen ihren staatspolitischen Auftrag in guter Beziehung zur Bevölkerung erfüllen. Die Schweiz hat in allen Bereichen ein hohes Ausbildungsniveau und wird als Vorbild gesehen. Unser bewährtes schweizerisches Schul- und Bildungssystem ist fest in der euro­päischen humanistischen Bildungstradition verwurzelt. Der Lehrerberuf steht bei uns als wichtiger Teil des demokratischen Staatswesens im Kanton und in den Gemeinden im Zentrum.

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Schul- und Familienbuch

Das Büchlein kann für Fr. 10.- über das Schulsekreatriat Literargymnasium Rämibühl Zürich (www.lgr.ch) oder über (kultur-und-frieden@bluewin.ch) bestellt werden


Mein Dank  gilt dem Schweizerischen Roten Kreuz und meine Bewunderung den Schweizer  Familien


Zum Foto-Text-Band «Not und Hoffnung –  Deutsche Kinder und die Schweiz 1946 –1956“ von Bernd Haunfelder

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

2010 wird das Wirken des  Rotkreuz-Gründers Henry Dunant (1828–1910) anlässlich seines  100. Todestages mit zahlreichen Anlässen gewürdigt. Die letzten 22  Jahre seines Lebens lebte der grosse Menschen- und Friedensfreund fast  vergessen in Heiden im Kanton Appenzell-Ausserrhoden.  Durch die Empfehlung der Pazifistin und Schriftstellerin Bertha von Suttner  (1848–1914) wurde ihm noch zu Lebzeiten der erste Friedensnobelpreis  zugesprochen. Bis heute haben die nationalen und internationalen Rotkreuz-  und Rothalbmond-Gesellschaften mit ihrer segensreichen Tätigkeit  unzähligen Menschen Hilfe und Hoffnung in Zeiten des Krieges und bei  Katastrophen gebracht.
 Vieles geschieht dabei ohne grosse Publizität. Vieles geht vergessen. So  zum Beispiel ist das Wirken der Schweiz im Zweiten Weltkrieg viel zu wenig  bekannt. Deshalb ist es besonders verdienstvoll, dass 2008 der Foto- und  Textband «Not und Hoffnung – Deutsche Kinder und die Schweiz  1946–1956» des deutschen Historikers Bernd Haunfelder erschienen  ist. Darin arbeitet der Historiker erstmals die Hilfs tätigkeit des  Schweizerischen Roten Kreuzes, der «Schweizer Spende» und die  «Kinderspeisungen», «Patenschaftsaktionen» und die  «Hilfe für Vertriebenen- und Flüchtlingskinder» auf und  legt bisher kaum veröffentlichtes Fotomaterial und bewegende Berichte  von Zeitzeugen vor. Weder in Deutschland noch in der Schweiz wurde diesem  Kapitel der humanitären Hilfe der Schweiz in der Nachkriegsgeschichte  die gebührende Aufmerksamkeit gegeben. Haunfelder schreibt dazu:  «Kaum eine andere Epoche ist aber derart gut dokumentiert wie die  Kriegs- und Nachkriegszeit. Doch damalige Wochenschauberichte über die  Hilfe aus der Schweiz werden fast nie gezeigt, aussagekräftige  Kinderbilder nur sehr selten veröffentlicht und Zeitzeugen, die zum Teil  sehr bewegt über den Aufenthalt in der Schweiz, über Kinderspeisungen und über Patenschaftspakete hätten berichten  können, besassen kein Podium. Die Geschichte  der humanitären Geste unseres Nachbarlandes wäre in einigen Jahren  in Vergessenheit geraten.»

Die Schweiz half als erstes Land hungernden Deutschen

Dabei war die Hilfe der  Schweizer Bevölkerung, der kirchlichen und zivilen Hilfsorganisationen,  die gemeinsam mit dem Schweizerischen Roten Kreuz geleistet wurde,  vorbildlich. Haunfelder schreibt dazu: «Das erste Land, das der  hungernden deutschen Bevölkerung nach dem Krieg half, war die Schweiz.  Seit Anfang 1946 erhielten mehr als zwei Millionen Kinder der britischen,  französischen und sowjetischen Zone täglich Speisungen. Dazu waren Ovomaltine, Kakao und Schokolade heiss  begehrt. Ausserdem gelangten zehntausende Tonnen  Medikamente, Kleidung und Paketsendungen nach Deutschland. […] Mehr als  44 000 unterernährte und kranke deutsche Jungen und Mädchen reisten  von 1946 bis 1956 zu einem dreimonatigen Erholungsaufenthalt in die  Schweiz.» Die mehr als 120 veröffentlichten Fotografien zeigen das  Gefühl der Not, der Hoffnung und der Dankbarkeit. Es kommen Menschen zu  Wort, die in Erlebnisberichten über ihre Erholungszeit in der Schweiz  oder Hilfeleistungen in Deutschland ihre Dankbarkeit ausdrücken:  «Mein Dank gilt dem Schweizerischen Roten Kreuz und meine Bewunderung  den Schweizer Familien, die in den schweren Nachkriegsjahren so viele  deutsche Kinder glücklich gemacht haben.»
 Der Autor des Foto-Text-Bandes erfasst psychologisch sehr einfühlsam das  Wesentliche des humanitären Wirkens. Es ist das echte Erleben des  mitmenschlichen Zusammengehörigkeitsgefühls, die soziale Natur des  Menschen: «Im Gegensatz zu Millionen anderer Kinder, die von ihren  Schreckenserlebnissen jahrzehntelang immer wieder eingeholt werden, sollte sich  den ‹Schweizerkindern› schon früh eine andere Erfahrungswelt  öffnen. Mit der äusseren Genesung ging,  seinerzeit nicht gross beachtet, auch eine erste  seelische Stabilisierung einher. Dabei dürfte nicht nur die Erinnerung  an den Aufenthalt wohltuend nachgewirkt haben, auch das Eintreffen  unzähliger Pakete der Gasteltern aus der Schweiz symbolisierte,  abgesehen vom rein materiellen Wert, stets das sichere Gefühl des  Nichtverlassenseins, des Wissens um eine heile und bessere Welt.» Durch  das ganze Buch geht dieses hoffnungsvolle mitmenschliche Band der Welt als  einer Familie.

Vom grossen Wert  historischer Quellen und Zeitzeugen

Haunfelder gelingt dank des  Einblickes in die Archive des Schweizerischen Roten Kreuzes, ins Schweizerische  Bundesarchiv und in Stadtarchive eine eindrückliche historische Aufarbeitung dieser fast vergessenen Hilfeleistung. Auch die  Monatszeitschriften des Schweizerischen Roten Kreuzes enthalten wertvolle  Notizen: So wurde im Heft 2, 1949, festgehalten: «Die Kommission der  Kinderhilfe bewilligt im September 1949 für den Ankauf von Lebensmitteln  für die individuellen Patenschaften der Kreise Ludwigshafen und Hannover  einen Kredit von 75 000 Sfr. und für den Ankauf von Bettwäsche,  Küchenmaterial und Hausrat zur Einrichtung des Kinderheims Falkau, Staufen im Breisgau,  einen Kredit von 5000 Franken.»
 Und im Heft 3 von 1950 lesen wir: «Am 14. Dezember 1949 reisen 500  Flüchtlingskinder aus München, Augsburg und Nürnberg über  Schaffhausen ein, am 21. Dezember erreicht der nächste Zug mit  Flüchtlingskindern aus Würzburg, aus dem Bayerischen Wald und aus  dem Lager Hof-Moschendorf die Schweiz. Am 25.  Januar wird der nächste Zug mit Flüchtlingskindern aus  Schleswig-Holstein erwartet. Sie werden in Familien untergebracht.» Und  im gleichen Heft: «Ende Dezember 1949 befinden sich 30 deutsche Kinder  im Erholungsheim ‹Fragola›, einige in den  Heimen ‹Sonnalp› in Goldiwil und in ‹Flüeli› und 16 in ‹Oberholz›.  Schweizer Firmen versüssen den kleinen  Gästen das Weihnachtsfest.»

Grosse Hilfsbereitschaft der Schweizer  Bevölkerung

Die deutschen Historiker  Bernd Haunfelder und Markus Schmitz haben schon 2002 mit ihrem Buch  «Humanität und Diplomatie – Die Schweiz in Köln 1940–1949»  das «vielseitige humanitäre und diplomatische Engagement der  Schweiz im Köln der vierziger Jahre» aufgearbeitet. Dabei wird der  Beitrag der «Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten zur Linderung von Not und Elend» in Europa gewürdigt. Auch das  couragierte Verhalten einzelner Schweizer Diplomaten für die Hilfe an  den hungernden Kindern wird darin erstmals aufgearbeitet. Wie vorbildlich  sich der Schweizer Generalkonsul Franz-Rudolf von Weiss  in Köln eingesetzt hat, wird im zweiten Teil des lesenswerten Buches  anhand seiner Konsulatsberichte für das Aussenministerium in Bern  dargelegt. «Diese auch von Bundeskanzler Adenauer hoch geschätzte  humanitäre Hilfe stellte zugleich einen zentralen Aspekt der  Wiederanknüpfung der deutsch-schweizerischen Beziehungen nach 1945  dar.»
 2007 erschien von Bernd Haunfelder auch das ausgezeichnete Buch  «Kinderzüge in die Schweiz – Die Deutschlandhilfe des  Schweizerischen Roten Kreuzes 1946–1956». Auch dieses Buch  enthält einen Schatz an Textdokumenten von Zeitzeugen und  eindrücklichen Fotografien. Richard von Weizsäcker würdigte im  Geleit die Leistung der Schweiz, er schreibt: «Das Land, dem ich mich  durch meine Kinder- und Jugendzeit in Basel und Bern von jeher verbunden  fühle, hat damals wirklich Grosses geleistet. […] In zahlreichen deutschen Grossstädten gab es Zentren der ‹Schweizer  Spende›, und viele Ältere werden sich noch an die umfangreichen  Speisungen aus unserem Nachbarland erinnern. […] Fast 44 000 deutsche  Kinder waren nach dem Kriege von Schweizer Gasteltern zu einem dreimonatigen  Erholungsaufenthalt eingeladen worden, über 181 000 waren es insgesamt  aus ganz Europa – eine wahrlich beeindruckende Zahl. […] Es ist  wichtig, dass sich Deutschland der umfangreichen Hilfe des Auslands nach 1945  immer wieder erinnert.»
 Die «Neue Zürcher Zeitung» würdigte am 22. Juni 2007 das  Buch von Haunfelder und schreibt: «Dieses Kapitel schweizerischer  humanitärer Hilfe ist in der deutschen Geschichtsschreibung fast  unbekannt. […] Dabei bedeuteten die Eisenbahntransporte dieser Kinder  nicht nur eine grosse logistische Leistung in einem völlig ruinierten  Land; die Bekundung der schweizerischen Hilfsbereitschaft gegenüber  einem Nachbarland, das die Schweiz noch kurz zuvor unter Druck gesetzt und  drangsaliert hatte, war ebenfalls bemerkenswert. […] Für die  bleichen, oft kranken und traumatisierten Kinder war es eine Fahrt ins  Paradies. […] Viele der ‹Schweizer Kinder› hielten fortan die  Verbindung zu ihrer Gastfamilie aufrecht; es wurden Freundschaften fürs  Leben.»

Die humanitäre Substanz der Schweiz und des  Roten Kreuzes vermitteln

Die eindrücklichen  Einblicke in die damalige Lebenswirklichkeit bringen uns zugleich auch das  heutige Kriegselend vieler Menschen näher. Der Autor rückt auch  Missverständnisse zur Schweizer Neutralität zurecht: «Auch  wenn die Neutralität das Einschreiten für eine Kriegspartei verbot,  so schloss das berühmte Leitbild der Schweizer Aussen politik  eine Verantwortung für Europa keineswegs aus. Im Gegenteil,  Neutralität bedeutet für die Schweiz, dass man sich mit dem  zerstörten Europa solidarisch zeigte und sich des aus der Notlage  Europas ergebenden Handlungsbedarfs annahm. […] Dass die Schweiz zu den  ersten Ländern zählte, die Hilfe in das zerstörte Deutschland  gebracht hatten, war an sich schon aussergewöhnlich,  aber der Hinweis, dass die Eidgenossenschaft, gemessen an Einwohnerzahl –  seinerzeit etwa 4,3 Millionen – und finanziellem Aufwand unter allen Staaten, die Deutschland unterstützten, die grösste  Last getragen hat und, so gesehen, vergleichsweise mehr als die Vereinigten  Staaten leistete, war sehr bemerkenswert.» Haunfelder erinnert in  diesem Zusammenhang an weitere Fakten, welche heute weitgehend verschwiegen  werden: «Das Verhalten der Schweizer Bevölkerung mit ihrer Hilfe  für das kriegsversehrte Deutschland ist um so bemerkenswerter, als sich  die Schulden, welche das insolvente Naziregime am Ende des Krieges  gegenüber der Schweiz hinterliess, auf 1,2 Milliarden Franken beliefen, nach heutigem (2007) Wert etwa 6 Milliarden Franken.  Mit erpresserischen Mitteln hatte das ‹Dritte Reich› stets die  schwierige Lage der Schweiz ausgenutzt und sich finanziell wie materiell an  dem eingeschlossenen Land bedient. Entsprechend war die Stimmung  gegenüber Nachkriegsdeutschland in dieser Frage angespannt. Erst 1952  einigten sich die Schweiz und Deutschland in einem Staatsvertrag, wonach die  Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des ‹Dritten Reiches› der  Schweiz nur rund die Hälfte der Schulden zurückzahlen  musste.»
 1954 bedankte sich die Bundesrepublik Deutschland offiziell in Bern mit der  Übergabe einer Skulptur mit der Inschrift «Dankesspende des  deutschen Volkes».

Das Rote Kreuz – das Gewissen der Menschheit

Das Rote Kreuz ist das  Gewissen der Menschheit. Unser Anteilnehmen an ihrer Tätigkeit, unser  Mitwirken für eine soziale und gerechte Welt und für Frieden, Teil  des Ganzen zu sein, machen unser ganzes «Mitmensch-Sein»  lebendig.
 Alle grossen Rechtswerke von der Allgemeinen  Erklärung der Menschenrechte, der Uno-Charta bis zum Humanitären  Völkerrecht beinhalten dieses Streben und diese mitmenschliche Ethik.  Gerade die Schweiz, die Eidgenossenschaft, hat hier eine reichhaltige  Tradition, sie ist auch Depositarstaat der Genfer Konventionen und trägt  für die Friedenspolitik eine grosse Verantwortung. Die neutrale Schweiz  ist mit ihrem auf Gleichwertigkeit der Bürger und auf sozialen Ausgleich  ausgerichteten direktdemokratischen Zusammenleben mit dem Wirken des Roten  Kreuzes zutiefst verbunden.
 Neben dem Roten Kreuz besitzt die Eidgenossenschaft viele kirchliche,  staatliche und zivile Hilfsorganisationen, die seit Jahrzehnten weltweit  ausgezeichnete Entwicklungszusammenarbeit und Hilfe zur Selbsthilfe leisten.  Die Schweizerische Deza (Direktion für  Entwicklung und Zusammenarbeit) ist dafür ein Beispiel. Diese soziale  Haltung ist die wertvollste Substanz der Schweiz, sie ist zugleich auch eine  der wichtigsten anthropologischen Konstanten in der Kultur geschichte der  Menschheit. Es ist die soziale Natur des Menschen, seine Menschenwürde,  das Prinzip der gegenseitigen Hilfe und des Respekts unter den Menschen, was  auch in allen Weltreligionen zu finden ist.

Die weltoffene Willensnation Schweiz in Fotografien von 1840 bis 1960

Zur Sonderausstellung «Aufbruch in die Gegenwart – Die Schweiz in Fotografien 1840–1960» im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Das Sammlerpaar Ruth und  Peter Herzog ist mit ihrer Fotosammlung und der «Fondation  Herzog» in Basel ein besonderer Glücksfall für die fotografische Kulturgeschichtsschreibung in der Schweiz. Ihre Schenkung der  wertvollen Sammlung historischer Fotografien aus der Schweiz an das Schweizerische Landesmuseum ist eine Kostbarkeit, und der Besuch der bis zum  28. Februar 2010 dauernden Ausstellung ist lohnenswert. Jede Fotografie  erzählt ein kleines oder grosses Stück Schweizer Geschichte − aus der Wirtschaft, dem Alltagsleben, der Landwirtschaft oder dem Sport.
 Die ersten Bildzeugnisse zeigen die Anfänge des jungen Bundesstaates, festgehalten von «Wanderfotografen», bis hin zur modernen Schweiz der 1960er Jahre mit der moder nen Fototechnologie. Das ganze Spektrum der Fotografien zeigt die leistungsfähige und sozial eingestellte  Willensnation Schweiz, die weltoffen und zugleich unabhängig und eigenständig ihren Erfolgsweg beschreitet.
 Anhand der drei Themenbereiche «Vom Agrar- zum Industrie- und Dienstleistungsstaat» mit wunderschönen Aufnahmen aus der Landwirtschaft, dem Thema «Ein Land wird erschlossen» mit dem Bau des Strassen- und Schienennetzes und dem Bau von Flughäfen und «Helden des Alltags» gibt die Ausstellung Einblicke in private  und öffentliche Bereiche.
 So zeigt der Blick in die Giesserei Sulzer in Winterthur von 1919 die Arbeiter mit den riesigen Giessformen  in einer beeindruckenden Fabrikanlage. Oder die wunderschönen Aufnahmen  der grossen Schweizer Fotografen Theo Frey (1908–1997)  mit Einblicken ins Schulleben im Kanton Graubünden der 1940er Jahre oder  Ernst Brunner (1901 bis 1979), der General Guisan  am Defilée im Luzernerland eindrücklich  festgehalten hat.
 Menschlich berührend sind auch die persönlichen begleitenden Texte  zu einzelnen Aufnahmen von Ruth und Peter Herzog. So liest der Besucher beispielsweise bei einer Gruppenaufnahme mit dem Direktor und der Belegschaft  einer Schweizer Fabrik: «Der Chef war streng, aber gerecht», eine Charakterisierung, die fair ist und sicher auch in der heutigen Wirtschaftswelt, ausser in den radikal globalisierten Firmen, weitgehend noch Gültigkeit hat.
 Bei vielen Aufnahmen wird der Verlust von Bereichen sichtbar, bei anderen Fotografien brachte das Neue Erleichterung. Aber es fehlt etwas. Dieter Bachmann schreibt einleitend im Katalogbuch: «Erst wenn es fehlt, merken wir, dass wir es hatten. Verblüfft sehen wir uns um. War es nicht  eben noch da? Wann haben wir es verloren? Wo? Wo ist es geblieben?»
 Verschiedene Texte von Schweizer Autoren werden im Katalog mit den Themen der  Aufnahmen in einen Dialog gebracht.

Nahe beim Menschen

Es ist verdienstvoll, dass die Basler Ruth und Peter Herzog seit 1974 Fotografien zu vielen Themen und  besonders auch zur visuellen Geschichtsschreibung der Schweiz sammeln. Es  sind keine Aufnahmen der Starfotografen, sondern Bilder aus dem  alltäglichen Leben, Fotoalben aus Nachlässen der Bevölkerung.  Sie folgten auch nicht dem spekulativ aufgebauschten Fotokunstmarkt. In einem Gespräch spürt man die menschliche und soziale Haltung der Sammler, welche auch die Mentalität der Schweiz ausmacht: «Überall  gibt es Bilder von Menschen, die zusammenfinden, heiraten, Kinder bekommen,  diese heranwachsen sehen und sterben, […] im Unscheinbaren wird das Leben einer Gesellschaft viel deutlicher bewahrt, weil die Menschen da nicht etwas Besonderes darstellen wollen. […] Der Alltag ist überall sehr verschieden.
 Was die Fotos aber bis in die sechziger Jahre zeigen, ist eine grosse Bescheidenheit in der Schweiz. Noch die Generation meiner Eltern war davon geprägt,  mehr zu leisten als zu verlangen. Man hat mehr produziert als konsumiert.  Dazu kommt eine grosse Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit. Die Menschen konnten sich aufeinander verlassen. Es gab einen Zusammenhalt, der sich über alle Schichten und Berufe hinweg verband.» (NZZ am Sonntag  vom 8.11.2009)
 So kann das Landesmuseum auch für zukünftige thematische Ausstellungen aus diesen Schätzen wertvolle Bezüge herstellen.  Dabei wird auch deutlich, wie wertvoll das klassische Negativ-positiv-Verfahren  ist. Die über 100 Jahre alten Fotos, anfangs die  Daguerrotypie, haben eine sehr hohe Qualität, und von den Negativen können bis heute immer noch Abzüge gemacht werden.
 Die Gefahr der gegenwärtigen digitalen Fotografie mit ihrer Unsicherheit  in der Bildspeicherung über Jahrzehnte hinweg – und dies im schnellen technologischen Wandel – kann zu einem Fehlen von Bilddokumenten  führen.
 Auf die Frage, wie sich das Bild der Schweiz verändern wird, antwortet  Peter Herzog: «Wir wissen nicht einmal, wer es in Zukunft erstellen  wird. Familienalben, wie wir sie kennen, verschwinden, schon allein, weil  heute alles digital gespeichert wird. Wenn der Chip voll von Bildern ist,  wird er gelöscht. Während wir so viele Bilder um uns haben wie  keine Epoche zuvor, werden zuletzt kaum welche übrigbleiben. Vielleicht übernehmen diese Rolle dann ja die Überwachungskameras, und unser Leben liegt dann auf Filmrollen in irgendeinem Keller.» (NZZ am Sonntag vom 8.11.2009)
 Die Ausstellung regt an zum Nachdenken über das Wesentliche, was die Schweiz, die Welt und den Sinn des Lebens wirklich ausmacht. Sie kann auch Antworten geben auf die eingangs gestellte Frage: Was fehlt heute?
 Die genaue und langsame Bildbetrachtung ist gerade bei den kleinen Formaten in den Vitrinen des Landesmuseums eine gute Medizin in unserer Zeit der massiven Bilderflut.
 Erfreulich ist auch das Begleitheft für Lehrpersonen und Schulen mit  wertvollen Materialien. Ebenso werden zahlreiche verschiedene Begleitveranstaltungen und öffentliche Führungen angeboten. •

Ausstellung im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich, noch bis 28.2.2010.

Informationen: http://www.landesmuseum.ch/ Tel.+41 44 218 85 11
 
Nr.4 vom 25.1.2010   © 2009, Genossenschaft Zeit-Fragen, www.zeit-fragen.ch, Tel.: +41 44 350 65 50, Fax: +41 44 350 65 51
"Den bedrohten Indianerstämmen gewidmet"


Zur ausgezeichnete Fotoausstellung „Drei Welten – Barnabas Bosshart, Brasilienbilder 1980-2005“ in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur

Von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen/TG

Noch bis zum 14. Oktober kann in den wunderschönen Ausstellungsräumen der Fotostiftung Schweiz die ausgezeichnete Fotoausstellung des 1947 in Herisau AR geborenen Schweizer Fotografen besucht werden. Zur Ausstellung wurde auch ein wunderschönes Fotobuch herausgeben, worin der Fotograf einführend die Absicht seiner beeindruckenden Arbeit festhält: „Ich widme dieses Buch und die Ausstellung den Canela-Apanyekra aus Zentral-Moarahao im Nordosten Brasiliens, einem der zahlreichen vergessenen Indianerstämme, die am Rande der brasilianischen Gesellschaft um ihr Überleben kämpfen.“ Der früher international sehr erfolgreiche Modefotograf, verliess die oberflächliche und kommerzialisierte Welt des „Modeglamours“ und entschloss sich einem wirklich menschlichen und kulturellen Anliegen zu widmen. Er reiste erstmals 1973 nach Nord, Zentral, - und Südamerika, studierte Filmwissenschft in London und lehrte Fotografie an einer Universität in Kanada. Die Nord-Ost-Küste Brasiliens besuchte er seither jedes Jahr und machte dabei auch einige Aufnahmen. 1980 liess er sich in Brasilien nieder. Hier entstanden zahlreiche Reisen und Fotoarbeiten. Besonders beeindruckend dabei ist, dass sich der Fotograf  jeweils bemühte längere Zeit mit den Einwohnern zusammenzuleben, ihre Probleme und Lebensauffassungen zu erkennen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Er war ergriffen von der „Magie dieses Ortes – von den Menschen und Dingen, die ich sehen und fühlen konnte, rund herum. Ich blieb zehn Monate lang und begann, kleine, abstrakte Aquarelle zu malen. Während dieser Zeit fotografierte ich sozusagen nicht, beobachtete aber genau aus Distanz, denn ich wollte die Einwohner mit meinem Fotoapparat nicht erschrecken. Ich fühlte mich als Eindringling und war mir der delikaten Position bewusst. Es war eine neue Welt für mich, anders als alles, was ich bis dahin erlebt hatte.“

Drei Welten in der Ausweglosigkeit der Globalisierung

Peter Pfrunder, der Leiter der Fotostiftung Schweiz hat zusammen mit dem Fotografen drei ganz verschiednen Themen für die Ausstellung und das Buch ausgewählt. Die erste Thematik zeigt Fotos die dem Untergang geweihte ehemaligen Kolonialstadt „Alcantara“. Sie zeigt den „Verlust von Identität in einer Zeit rascher Veränderungen – das ungewisse Schicksal, dem die Menschen ausgeliefert sind.“  Im zweiten Projekt „ Rio Exposto“ zeigt Barnabas Bosshart die unmenschlichen Lebensbedingungen in den Vorstädten von Rio de Janeiro, wo schon 1991 täglich durch die offene Gewalt 30 bis 40 Menschen durch Todesschwadrone und Banden aus der Unterwelt ermordet wurden. Dort entstanden 20’ 000 Negative. Auch der Fotograf wurde mehrmals bedroht: „Nach einem letzten Überfall auf mich und meinen brasilianischen Begleiter in den Favela-Manguinhos, als drei Maschinengewehre und zwei Revolver auf meinen Kopf zielten, brach ich das Projekt ab. Es war eine Warnung, nicht weiter zu fotografieren.“ In diesen lebensgefährlichen Ghettos existiert noch eine Art Apartheid-System, „über das wenig gesprochen wurde, der hässliche Schatten einer unverdauten Kolonialzeit“ schreibt der Fotograf.   Im dritten grossen Projekt „Canela-Apanyekra“, welches 2005 abgeschlossen wurde, widmet sich der Fotograf den Nachfahren der ursprünglichen Bewohner Brasiliens, den „kaum erforschten Welt der Canela-Apanyekra-Indianer im Bundesstaat Maranhao“. Hier ging es ihm weniger um eine ethnografische Annäherung als viel mehr um eine subjektive Begegnung mit einer dem Westen völlig fremden Welt. „Bossharts Fotografien erzählen vom Stolz und von der ungebrochnen Vitalität einer kleinen, isolierten Schicksalsgemeinschaft.“ Die vom Zauber des Moments ausstrahlenden Aufnahmen zeigen auch, so Peter Pfrunder „den Reichtum einer Kultur, welche von den letzten 800 Mitgliedern eines einst grossen Volkes in unsere Tage hinübergerettet wurde.“ Der Fotograf konnte an diesem überschaubaren Volksstamm sein wichtiges Anliegen verwirklichen: Ich wollte „in die Tiefe arbeiten, statt nur oberflächliche Phänomene zu erhaschen.“

Fotografie und soziale Verantwortung

Peter Pfunder schreibt zusammenfassend: „Gemeinsam ist den drei Brasilien-Projekten, dass sie Gesellschaften in extremen Situationen, in Zeiten der Gefährdung zeigen. So werden sie zu Sinnbildern für die Fragilität des sozialen Zusammenhalts und für die Ausweglosigkeit der Globalisierung.“  Die verdienstvolle Arbeit dieses Fotografen und die Initiative der Fotostiftung wurde grosszügig von der Volkart Stiftung Winterthur und der Kulturstiftung des Kantons Thurgau unterstützt. Erfreulich ist auch, dass der Fotograf sein gesamtes Fotoarchiv der Fotostiftung Schweiz übergeben hat und so sichergestellt wird, dass diese Dokumente auch künftigen Generationen zugänglich bleiben. Die Auseinandersetzung mit diesen gesellschaftlichen und kulturellen Fragen ist eine Verpflichtung. Jean Ziegler hat mit seinem Buch „Imperium der Schande“ auf das durch die extrem profitorientierte Globalisierung bewirkte Ernährungs-Elend in diesen Ländern der Welt hingewiesen. Dass sich der Präsident von Brasilien für diese Indianerstämme einsetzen möchte, ist eine Hoffnung. Der zunehmende Widerstand der betroffenen Länder aus Latein- und Südamerika, gegen die grausame Ausbeutung und kaltblütige Globalisierung und ihr Anknüpfen an ihrer eigenen Tradition und der Schaffung von mehr sozialer Gerechtigkeit, sollte den Westen nicht nur nachdenklich stimmen, sondern auch zu konkreten und grosszügigen Taten führen. Dass dies bereits seit Jahren von den beiden Landeskirchen, zahlreichen Hilfsorganisationen und Einzelinitiativen geleistet wird, muss hier erwähnt und gewürdigt werden. Der eindrückliche Fotograf und die Fotoausstellung zeigen, dass der Künstler eine Verantwortung trägt, sie auch wahrnehmen kann und so zu mehr Gerechtigkeit und mehr Frieden in der Welt beizutragen kann. Ein Ausflug in die Kunststadt Winterthur ist lohnend, auch für den Besuch der zahlreichen Kunstsammlungen und der gleichzeitig zu sehenden hervorragende Fotoausstellung  „NeoRealismo – Die neue Fotografie in Italien 1932-1960“ im Fotomuseum Winterthur.

Weitere Informationen und Bilder:
www.fotostiftung.ch und www.fotomuseum.ch

Die Landwirtschaft betrifft uns alle

Zur informativen Broschüre für Schule, Elternhaus und Politik
 „Wege aus der Hungerkrise - Die Erkenntnisse des Weltagrarberichtes und seine Vorschläge für eine Landwirtschaft von morgen“


von Urs Knoblauch, Fruthwilen/TG

Laut Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO hungern weltweit über eine Milliarde Menschen, obwohl die Bauern auf der ganzen Welt mehr Lebensmittel pro Kopf produzieren als je zuvor. Deshalb stellte sich die Frage: «Wie können wir durch die Schaffung, Verbreitung und Nutzung von landwirtschaftlichem Wissen, Forschung und Technologie Hunger und Armut verringern, ländliche Existenzen verbessern und gerechte, ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Entwicklung fördern?» Über 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Kontinente und zahlreicher Fachrichtungen trugen während vier Jahren den Stand des globalen Wissens über die Landwirtschaft und ihre Zusammenhänge, ihre Geschichte und Zukunft zusammen. Dabei waren Industrie, Berufsverbände und die Zivilgesellschaft am Prozess ebenso beteiligt wie Regierungen, alle UN-Organisationen und Vertreter von indigenen Völkern. Diese ganzheitliche Betrachtungsweise aller wesentlichen ökologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aspekte der Landwirtschaft ist bisher einzigartig.
Nach der umfangreichen englischen Ausgabe liegt nun in deutscher Sprache eine gedruckte, kostengünstige und gut illustrierte Zusammenfassung des wertvollen Weltagrarberichts 2008 der IAASTD (International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development) vor. Darin werden wichtige Ergebnisse und Vorschläge zur Bewältigung der Hungerkrise und Wege für eine Landwirtschaft der Zukunft aufgezeigt. Auch Schweizer Landwirtschaftsexperten waren daran beteilig und unser Land hat den Bericht gemeinsam mit 60 weitern Staaten unterzeichnet. Besonders bedeutungsvoll ist, dass wichtige Kernanliegen der schweizerischen Landwirtschaftspolitik wie beispielsweise die Multifunktionalität, die Bedeutung der Ernährungssouveränität und der kleinräumigen regionalen Landwirtschaft vorbildhaft in den globalen Landwirtschaftsbericht einflossen.
Erstmals wird in diesem von vielen nationalen und internationalen Organisationen geförderten Bericht, auch das Recht anerkannt, dass alle souveränen Nationalstaaten ihre eigene Landwirtschaftspolitik selber in demokratischer Weise bestimmen sollen: «In Bezug auf den Welthandel bedeutet Ernährungs-Souveränität das Recht von Staaten, ihre Lebensmittelproduktion selbst zu gestalten. Dieses Recht dürfe weder von der WTO noch von einzelnen Handelspartnern eingeschränkt werden. Sie richtet sich auch gegen Kreditauflagen und Strukturanpassungs-Programme des Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank, die Entwicklungsländer zwecks Reduzierung ihrer Schuldenlast zum Verzicht auf staatliche Saatgutverteilung, Handelskontrollen und Lebensmittel-Reserven und zu exportorientierten Anbauprogramme zur Verbesserung ihrer Aussenhandelsbilanz zwingen.» Rechtsstaatlichkeit bedeute hier: «Weil ein Souverän sein Selbstbestimmungsrecht nicht abgeben kann, ist das Konzept der Ernährungs-Souveränität eine demokratische Herausforderung für alle Regierungen, die das Menschenrecht auf ausreichende und gesunde Ernährung ernst nehmen. Es ist auch eine Herausforderung für jeden Einzelnen von uns.»
 Der Weltagrarbericht betont auch die Bedeutung des Reichtums der Traditionen und Kulturen, die ja weltweit und gerade in der Schweiz sehr vielfältig sind. Die Familien, die Frauen und Männer in der Landwirtschaft haben einen enorm wertvollen Erfahrungsschatz an lokalem und traditionellem Wissen. Die landwirtschaftlichen Betriebe tragen auch viel zur «sozialen Stabilität, und zum Erhalt der Kultur, Tradition und Identität» eines Landes bei. Die einzelnen Länder, Kulturen und Bevölkerungsgruppen besitzen ein reichhaltiger Schatz an überliefertem Wissen, Erfahrungen und Zeremonien über das Leben und die Natur. „Dieses praktische Wissen ist das wichtigste Handwerkszeug von Land- und Forstwirten, Hirten, Fischern, Heilern und Indigenen, aber auch von Hausfrauen, Gärtnern und Handwerkern in aller Welt. Es ist historisch gewachsen und erfasst auf eigene Art häufig komplexe Zusammenhänge, die monokausal denkenden Naturwissenschaftler bis heute überfordern können.»

Hunger muss vor Ort mit den Bewohnern überwunden werden

«Über 70% aller Hungernden leben auf dem Lande. Als Klein- und Subsistenzlandwirten, Hirten, Fischer, Sammler, Landarbeiter und Landlose sind sie direkt von der lokalen Landnutzung abhängig, können sich davon aber nicht nachhaltig und sicher ernähren. Hunger und Armut sind in den meisten Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas deshalb wesentlich eine Frage der regionalen Selbstversorgung.“  Die Zustände sind alarmierend, denn die Hälfte der elf Millionen Kinder unter fünf Jahren, die jedes Jahr sterben, könnte schon bei etwas besserer Ernährung überleben. Die Landwirte produzieren, in Kalorien ausgedrückt, heute weltweit etwa ein Drittel mehr, als für die Versorgung der Menschheit notwendig wäre. Ein wachsender Anteil der Produktion wird aber nicht für die Ernährung der Menschen, sondern für Tierfutter, Treibstoff und andere industrielle Zwecke verbraucht. Der Weltagrarbericht macht deutlich, dass nicht die Steigerung der Produktivität um jeden Preis, sondern die reale Verfügbarkeit von Lebensmitteln und die Produktion vor Ort der wichtigste Faktor für die Bewältigung des  Hungers ist. Deshalb muss der Zugang der Armen auf dem Lande zu Boden und Wasser, zu Produktionsmitteln und zu Erwerbsmöglichkeiten, sozialer Mindestabsicherung und Bildung umgesetzt werden. Der Bericht zeigt hier vielfältige Lösungen auf. Einfache  Projekte können mit der Hilfe der vielen bewährten Organisationen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit aufgebaut oder bestehende zivilgesellschaftliche Genossenschaften und Bewegungen neu belebt werden. Selbsthilfegruppen, kleine innovative Landwirtschafts- und Gemeindeinitiativen, Mikrokredit-Vereine, Fairtrade- und Biounternehmen sind Wege zur Zusammenarbeit.

Vom grossen Wert kleinbäuerlicher Betriebe und der Multifunktionalität

Einer der wichtigsten Botschaften des Berichtes ist der multifunktionale Beitrag der Landwirtschaft für den Erhalt der ganzen Natur und unser Überleben: «Schliesslich stellt die Landwirtschaft eine Vielzahl von Ökosystemleistungen sicher. Die Bedeutung dieser Rolle der Landwirtschaft wird für die globale Nachhaltigkeit von Entwicklung möglicherweise zunehmen und für das Überleben der Menschen auf diesem Planeten eine zentrale Rolle spielen.» Allein der Erhalt der natürlichen und kultivierten Artenvielfalt, des Reichtums und der Schönheit der landschaftlichen Vielfalt, der Ökosysteme, der Verfügbarkeit und Qualität von Süsswasser und die ökologischen, kulturellen und sozialen Beiträge welche die Landwirtschaft erbringt, müssen in ihrer Bedeutung der Multifunktionalität mehr gewichtet werden. Die Bauern müssen für ihre Arbeit und Produkte faire Preise, ein angemessenes Einkommen und mehr Wertschätzung erhalten: «Nur wer seine Produkte zu einem auskömmlichen Preis verkaufen kann, wird mehr produzieren, als seine Familie oder Dorfgemeinschaft verbraucht, und kann so zur Ernährung seiner Mitmenschen beitragen und Vorsorge für schlechte Zeiten treffen Der Weltagrarbericht macht auch deutlich, dass regionale Kleinbauern- und Familienbetriebe, Genossenschaften und Arbeitsgemeinschaften  weltweit dringend gefördert werden müssen. Damit werden sinnvolle Arbeitsplätze geschaffen, der Hunger kann vor Ort bekämpft werden und es entstehen weniger Elendsquartiere in den Metropolen. «Obwohl die Produktivität pro Fläche und Energieverbrauch in kleinen, diversifizierten Bauernhöfen viel höher ist als intensive Bewirtschaftungssysteme in bewässerten Gebieten, werden sie weiterhin von der offiziellen Agrarforschung vernachlässigt.» Ohne die traditionellen bäuerlichen Betriebe romantisch zu verklären werden die Grenzen grossflächiger, hochtechnisierter industrieller Landwirtschaft und Monokulturen aufgezeigt: „Während industrielle Produktionssysteme grosse Mengen an Agrarrohstoffen mit relativ geringem Arbeitseinsatz erbringen, verursachen sie oft hohe gesundheitliche Kosten, haben zusätzliche negative Umweltauswirkungen und sind in ihrem Energieeinsatz meist ineffizient.» Mit immer neuen Technologieschüben, der Mechanisierung, Zucht, Chemieeinsatz und der Devise «Wachse oder weiche!» kamen jedoch unzählige Bauern in Schwierigkeiten. Bauern, die frühzeitig eine produktivere Technologie einführten, profitierten so lange bis neuere Technologien kamen, die Produktion wieder stieg und die Preise fielen. Bauern, die die Technologie nicht einsetzen, geraten dann in eine Preisklemme: Ihr Einkommen sinkt, egal wie hart sie arbeiten. Auch das Konzept der weltweit gehandelten Agrarrohstoffe aus wenigen, standardisierten Hochleistungspflanzen hergestellt, erfordert immer aufwendigeren und komplexeren industrielle Verarbeitungsgänge. Die „scheinbare Vielfalt“ der Produkte in den Supermärkten hat deshalb auch „wesentlich zu den modernen Formen der Über- und Fehlernährung beigetragen.»
Der Weltagrarbericht macht aber auch deutlich, dass ein Erfolg immer durch die Initiativen einzelner Persönlichkeiten oder Gemeinschaften entsteht: „Besonders erfolgreich sind diese Initiativen vor Ort, wo Regierungen, Behörden und internationale Hilfsorganisationen die Selbstorganisation und Selbstbestimmung der Betroffenen unterstützen, anstatt ihnen Massnahmen aufzudrängen, die für sie fernab der lokalen Gegebenheiten und Bedürfnisse erdacht wurde. Eine robuste Selbstversorgung mit Lebensmitteln und eigenständige Produktion auf Grundlagen der vor Ort verfügbaren Mitteln und Möglichkeiten haben sich dabei als das sicherste Rezept erwiesen; auch für eine weitergehende Entwicklung wirtschaftlicher Aktivitäten und gemeinschaftlichen Wohlstands.» Die Broschüre kann für Schule, Elternhaus und Politik nur wärmstens empfohlen werden, denn „die Landwirtschaft betrifft uns alle.“

Die Broschüre wurde von der „Zukunfsstiftung Landwirtschaft“ in Deutschland herausgegeben, verfasst von Bebedikt Haerlin (Mitglied des IAASTD-Aufsichtsrats) und Tanja Busse und wurde von verschiedene Organisationen unterstützt.
Die Broschüre kann für Fr.5.- und Versandkosten direkt per Post über die Buchhandlung Büecher-Chorb in  CH-8355 Aadorf,
Tel. 052- 366 22 60  oder über den AbL Verlag +49 (0) 23 81 492 288 verlag@bauernstimme.de  in Deutschland bezogen werden..
Weitere Informationen zum Weltagrarbericht  www.agassessmen.org, www.weltagrarbericht.de oder www.swissaid.ch.

Im Feld - Von Solferino bis Guantanamo

Sehenswerte Fotoausstellung im Rotkreuz-Museum in Genf

Die Enstehung des Roten Kreuzes fällt in die Pionierzeit der Fotografie. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass das IKRK 110.000 Bilddokumente zur Geschichte des Roten Kreuzes, seit seinem Ursprung im Jahre 1859 mit der Schlacht bei Solferino bis heute, gesammelt hat.
Mit der Auswahl der 88 Bilder für die Ausstellung wird der Besucher durch das humanitäre Wirken des IKRK geführt: Hilfe für Verwundete, Schutz der Kriegsgefangenen, Zusammenführung zerstreuter Familien und Unterstützung der Zivilbevölkerung. Jedes Foto erzählt eine Geschichte und verweist auf einen Ort auf der Welt, wo Kriegselend und Not herrscht. Das Besondere der Fotografien ist ihr mitmenschlicher Ausdruck. Sie lösen Mitgefühl und Anteilnahme aus.
"Nüchtern in Zeit in Raum gestellt, sprechen die Bilder von Kriegen, Leiden und Ruinen. Aber auch von Trost und mitmenschlicher Zuwendung."
Diese Ausstellung führt auch die Bedeutung des Humanitären Völkerrechts vor Augen, für welches sich die Schweiz vorbildlich einsetzt. Hier wird Kultur und Frieden exemplarisch gelebt.

www.micr.org/index_d.html

Mitleben mit der Welt

Sehenswerte "documenta 12", 2007 in Kassel

Vom 16. Juni bis 23. September 2007 kann in Kassel die traditionsreiche internationale Kunstausstellung besucht werden. Der ausgezeichnete Katalog ermöglicht eine gute Einführung. Es ist sehr verdienstvoll, dass der künstlerische Leiter Roger M. Buergel und die Kuratorin Ruth Noack, anstelle postmoderner Beliebigkeit eine notwendige inhaltliche und ethische Neuorientierung durch kulturelle Beiträge aus den verschiedensten Weltregionen vorstellen. Diese Entwicklung zeigt sich an vielen internationalen Ausstellungen. Völkerrechtswidrige Kriege und soziales Elend ist in vielen Ländern der Welt und für den grössten Teil der Menschen die tägliche Realität. So haben über die Hälfte der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler ihre Verantwortung wahrgenommen und Kunstwerke geschaffen, die zum Nachdenken anregen, wie diese unerträgliche Situation verbessert werden kann. In vorbildlicher Weise wurden die Ausstellung und der Katalog mit Kunstschätzen von der kulturellen Wiege unserer Zivilisation eingeleitet. So sind im Schloss auf der Wilhelmshöhe Kostbarkeiten aus Persien und aus anderen frühen Kulturkreisen und Schlüsselwerke bis ins 19. Jahrhundert ausgestellt. Eine wunderschöne persische Kalligrafie gibt Einblick in die Hochblüte dieser Kulturregion, ohne die unsere europäische Zivilisation undenkbar wäre. Im Katalog lesen wir dazu: „Der bekannte persische Kalligraf Haddschi Maqsud, Neffe des Maftulband, arbeitete lange in Tabriz, der alten Hauptstadt Irans aus mongolischer und früher safawidischer Zeit. Mehrere seiner Werke sind erhalten, datiert seit 1521, der Blütezeit der höfischen safawidischen Kunst.“ Diese würdige Präsentation von Weltkulturerbe ermöglichen dem Besucher der „documenta“ Bezüge zur Gegenwart herzustellen. 2003 wurden im Irak-Krieg gezielt jahrtausend alte Kulturschätze aus Babylon und Mesopotamien, archäologische Ausgrabungen und unersetzbare Schriften und Dokumente von Bibliotheken von der amerikanischen Kriegsallianz geplündert und mit Bombardierung zerstört, obwohl die Genfer Völkerrechtskonventionen, den Schutz von Kultur, Infrastruktur und Zivilbevölkerung allen Ländern auferlegt hat. Diese Kriegsverbrechen werden bis heute, nicht nur im Irak, auch im Nahen Osten, in Afghanistan und anderen Orten begangen. Die Weltöffentlichkeit, die Zivilbevölkerung, besonders die Regierungen der europäischen Länder, die UNO und auch Kulturschaffenden sind hier zur Verantwortung aufgerufen, endlich dieses Morden zu beenden. Viele Kunstwerke thematisieren auch die soziale Misere in vielen Ländern, verursacht durch die rücksichtslose wirtschaftliche Gewinnmaximierung und Globalisierung. Der Besucher stellt sich beim Betrachten der Werke spontan und gefühlsmässig an die Seite der Armen und erweitert seinen Blick für die dringenden Aufgaben auf diesem Globus. Aus dieser aktuellen ethischen und politischen Perspektive werden die zahlreichen Kunstwerke, Installationen und Filme von über 60 Künstlerinnen und Künstlern aus Afrika, Lateinamerika und aus aller Welt in ihren Ästhetik und oft komplexen und nicht leicht zugänglichen Werken besser verständlich. So können Kunstwerke zum Mitleben mit der Welt, zu mehr Gerechtigkeit und zur Neuorientierung von Kultur und Frieden beitragen.

www.documenta12.de

Viva il Gottardo

Kultur vom Besten

Freilicht-Volkstheaterstück "D'Gotthardbahn" in Göschenen

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen/TG

Nach den erfolgreichen Freilichtaufführungen "D'Gotthardposcht" von 1999, 2000, 2002 und 2005 in Andermatt, welche die dramatischen Veränderungen mit der letzten Fahrt der Gotthard-Pferde-Postkutsche in der Region zum Inhalt hatte, kann in Göschenen die Weiterentwicklung der Gotthard-Geschichte durch den Bau des Bahntunnels in einer hervorragenden Freilicht-Theateraufführung mit einem einmaligen Bühnenambiente besucht werden. Die ganze Bevölkerung der Region, die kein einfaches Leben haben und schon viele Rückschläge überwinden musste, hat wieder eine grossartige Leistung vollbracht. Göschenen, das kleine sympathische Eisenbahnerdorf zuoberst im Urner Reusstal, mit Blick auf die Gletscher, mit dem Wasserreichtum und den pittoresken Wandergebieten, erlebt einen Theatersommer vor grandioser natürlicher Kulisse: Die weite Umgebung des Bahnhofareals, die Güterwagen als mobile Bühnenbilder, der fahrenden Dampflokomotive und der fünfspännigen Pferdepostkutsche. Dies alles vor dem imposanten Panorama des Gotthardmassivs mit der stark befahrenen Schöllenenstrasse im Hintergrund. Das Stück lebt von den historischen Fakten und den mehr als 100 herrlichen Darstellerinnen und Darstellern aus der Gotthardregion, die ihr Herzblut in das Volksschauspiel des damaligen Jahrhundertereignisses legen. Die Besucher werden durch die liebevolle, menschliche und realistische Darstellung in die Geschichte des abenteuerlichen Baus des Gotthardtunnels vor 125 Jahren eingeführt. Sehr eindrücklich sind die zahlreichen Tunellarbeiter und Mineure mit Schaufel und Pickel. Einfühlsam wird aus der damaligen menschlichen und historischen Perspektive heraus der Lebensalltag in Göschenen um 1875, mitten im Baufieber des Bergdorfes aufgezeigt. Neben freudigen Ereignissen entsteht viel menschliches Leid.

Harter Lebensalltag der Tunnelarbeiter und Mineure

Im Theaterstück wird der harte Lebensalltag in Göschenen mit den zumeist italienischen Arbeitern äußerst einfühlsam und realistisch dargestellt. Die Verträge zum Tunnelbau enthielten so viele unmenschliche Zwänge und soviel Profitdenken, dass auch Spekulanten in der Tunnelarbeiterstadt Göschenen ihre dunklen Geschäfte machten und viel sozialer "Sprengstoff" entstand. Leidtragende waren die  mehrheitlich aus Italien kommenden Mineure aber auch die Familien in Göschenen. Miserable Unterkünften und Schichtarbeit im Stollen rund um die Uhr. Sie wurden unter Druck gesetzt, schneller zu arbeiten, denn die Auszahlung der Arbeiter war vom "Vortriebsfortschritt", des fast 15 km langen Tunnels abhängig. Für den Vertrag war der Unternehmer und Tunnelbauer Louis Favre verantwortlich. Mit jedem Tag Verspätung mussten grosse Summen Entschädigung bezahlt werden und dies in einem Pionierwerk des Tunnelbaus mit all seinen unvorhersehbaren Naturgewalten. Durch diese perfiden Verträge wurden minimalste Sicherheitsmassnahmen, soziale und gesundheitliche Anliegen völlig vernachlässigt. Im Programmheft werden dazu gute Hintergrundinformationen gegeben: "Die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen kamen meistens aus dem ländlichen Umland von Turin,  wo die stark wachsende Bevölkerung in der Landwirtschaft kein Auskommen mehr fand. (...) Es wurde  in zwei bis drei Schichten ununterbrochen gearbeitet. Die Abluft der pneumatisch betriebenen Tunnelbohrmaschinen leitete nur wenig Luft an die Tunnelbrust. Temperaturen bis gegen 30 Grad, giftige Sprengabgase und Fäkalien der 500  bis 1000 Arbeiter im Tunnel erschwerten die Arbeit fast bis ins Unerträgliche." Wassereinbrüche, Steinschlag, Staub und die heimtückische Krankheit des Hakenwurms führte bei vielen Arbeitern zum Tod. Viele dieser Fakten werden im Theaterstück gut aufgezeigt. Eindrücklich ist die Szene vom Aufstand und Streik der Mineure von 1875, der damals blutig niedergeschlagen wurde. Vier Tote und mehrere Schwerverletzte waren zu beklagen. In der 10-jährigen Bauzeit arbeiteten über 20 000 Männer, fast 200 von ihnen starben an Unfällen von explodierenden Dynamitladungen, fast 1000 von ihnen wurden invalid und weitere tausende von Tunnelarbeiter sollten den Gotthard als kranke Männer verlassen und auch viel Leid in ihren Familien hinterlassen.

Eine Schicksalsgemeinschaft

Die ganze Aufführung bewirkt bei den Besuchern eine gefühlsmäßige Verbundenheit mit dem Gotthard, seiner Geschichte und den geplagten Menschen hier und auf der ganzen Welt. Differenziert wird das zwischenmenschliche Geschehen dargestellt. Der Umgang der italienischen Arbeitern und Einheimischen in Göschenen war mehrheitlich von Solidarität und gegenseitiger Hilfe geprägt. Man war eine Schicksalsgemeinschaft. Die Wirtin der Cantina, die Mütter und die Großmutter zeigen im Theaterstück Mitmenschlichkeit und Lebensweisheit: "Die Italiener gaben das hart verdiente Geld nicht leichtsinnig aus. Ein möglichst grosser Teil der Einkünfte wurde nach Hause geschickt. Ein Tunnelarbeiter verdiente im Tag 3.50 bis 5 Franken, je nach zu verrichtenden Arbeit. (...)Sie mussten 3 Prozent des Lohnes für die Krankenkasse abliefern, die persönliche Ausrüstung, wie die Öllampe, für 5 Franken selber kaufen. Für das rauchlose Baumnussöl für die Lampen bezahlten die Arbeiter 30 Rappen pro Tag." Für die Unterkunft in gemieteten Zimmer, wo bis 12 Arbeiter auf Pritschen schlafen mussten, und das Essen kosteten mehr als zwei Franken, so dass vom Tageslohn meist ein bis zwei Franken übrig blieb. Auch die berühmten Initianten des Tunnels spielen im Stück ihre Rolle: Alferd Escher (1819-1882), der als Zürcher Staatsmann, Wirtschaftsführer und Gotthardpionier wirkte und durch die Kostenüberschreitungen zum Rücktritt aufgefordert wurde. Der Genfer Louis Favre (1826-1879) führte ein abendteuerreiches Leben als Bauführer und Unternehmer im aufkommenden Eisenbahnzeitalter und starb mit 53 Jahren an einem Herzversagen im Gotthardtunnel. Eine zentrale Rolle spielt der Ingenieur Lusser im Stück. Er muss die Arbeiter antreiben, mit den Politikern und Unternehmern verhandeln und den Kontakt zur Dorfbevölkerung halten. Eindrücklich ist die Schlussszene, wo er sich anlässlich dem freudigen Dorffest zum Tunneldurchstich 1880 mit den geschundenen Arbeitern solidarisiert und enthusiastisch in den Chor einstimmt: "Viva il Gottardo!" 

Ein Gemeinschaftswerk mit Ausstrahlung aus der Region

Verstärkt wurde die Theatertruppe mit Mitwirkenden aus dem Tessin, einigen Berufsschauspielern und einer hervorragenden Musikgruppe. Paul Steinmann, der erfahrene Autor der "Gotthardposcht" hat anhand zahlreicher Quellen. u.a. auch neuer Forschungen der Basler Historikerin Alexandra Binnenkade ein ausgezeichnetes Stück geschrieben. Auch ältere Bücher, wie beispielsweise "Unser Gotthard" von  Karl Lüönd und Karl Iten (Ringier, 1980) enthalten wertvolle Informationen. Stefan Camenzind hat als künstlerischer Leiter das Stück mit einem Team von professionellen Bühnenfachleuten und den begeisterten Mitwirkenden mit Kindern, Jugendlichen bis zu Senioren bestens inszeniert. Ein sympathisches Fabrikdörfli mit Verpflegung und Informationen wurde gestaltet, das traditionsreiche "Urner Wochenblatt" gab eine historische Sonderzeitung mit Originalartikeln zur Tunneleröffnung heraus. In Göschenen sind an verschiedenem Ort interessante Informationstafeln zum Tunnelbau angebracht. Gemüsebeete wurden neu angelegt, eine Wäscheleine mit Wäsche verweisen beim Dorfbrunnen auf das damalige Dorfleben. In einem langen Original-Versuchsstollen ist Favres Messinstrument und eine Ausstellung mit den technischen Informationen zum Tunnelbau zu sehen. Das vor 9 Jahren geschlossenen ehrwürdige Bahnhofbuffet Göschenen wurde zur Theateraufführung wieder für Gäste eröffnet.     

Mitfühlen mit den Nöten bei uns und in der Welt

Wertvoll wird das Theaterstück durch die Bezüge zu den Problemen im engeren und weiteren Umfeld. Die Theatertruppe der "Gotthardbahn" stellt sich auf die Seite der Mitmenschlichkeit, an die Seite der Armen, der Leidenden und stiftet Hoffnung auf mehr Menschlichkeit! Der aufmerksame Zuschauer wird zu weiterführenden Gedanken angeregt. Es wird deutlich, wie wichtig die Nord-Südachse für die Schweiz und Europa wurde, als 1882 der Gotthardzugsverkehr begann. Man fragt sich, wie viel Waren und Transitverkehr durch unser auf maximalen Profit ausgerichtetes Wirtschafssystem und der zentralistischen EU-Politik verursacht wird. Man erahnt wie viele unsinnige Transporte vom Norden in den Süden um umgekehrt ablaufen. Auch das Leben in der Gotthardregion nach dem Abzug der Armee, den fehlenden Arbeitsplätzen, dem Neat-Projekt und den folgenschweren Auswirkungen der neuen Regionalpolitik durch die Stärkung der Metropolen, sind Fragen, die nachdenklich stimmen. Die Freilichtspiele "D'Gotthardbahn" sind eine Hommage an der Gotthard und seine Bevölkerung: Der Gotthard ist das Herz Europas, der Stolz der Schweiz mit der Freundschaft zu Italien. Dass zum Wasserschloss Gotthard Sorge getragen muss, zeigt die zunehmende Kommerzialisierung des Wassers. Wasser darf nicht privatisiert werden, es ist ein existenzielles Menschenrecht. Die Wirtschaft, die Bildung und Politik hat den Menschen zu dienen. Die Geschichte des Tunnelbaus zeigen vielfache Bezüge zur Welt auf: Die vielen miserablen Arbeitsbedingungen der Minenarbeitern in Afrika und Asien, die menschenfeindlichen Globalisierung und Gewinnmaximierung, das Börsengeschäft und die ganze unerträgliche Kluft zwischen Nord und Süd, Reichtum und Armut aber auch die völkerrechtswidrigen Kriegen, die Tod und Elend bei der Zivilbevölkerung bringen und sofort beendet werden könnten. So wird Theater nicht zu Formalismus und Selbstinszenierung, sondern zu dem was Kultur wirklich ausmacht: Das Denken und Fühlen  der Menschen anzuregen und zur Verständigung der Menschen und Völker beizutragen.

Das Freilichtspiel kann noch bis zum 25. August 2007 und hoffentlich in den kommenden Jahren besucht werden.
Informationen: Andermatt Gotthard Tourismus +41 (0)41 888 000 2
Kombitickets mit RailAway-Bahnfahrt, oder www.goeschenen.ch.
Zur gleichen Thematik: www.cantina-transalpina.ch.

Mark Wallinger - State Britain

15. Januar bis 27. August 2007 in der Tate Britain

Nachbau und Ausstellung eines beschlagnahmten Mahnmals gegen den Irak-Krieg in der „Tate Britain“ in London - Einsatz für die bürgerlichen Freiheitsrechte

Der bekannte britische Künstler Mark Wallinger rekonstruierte akribisch genau und mit grossem Aufwand und Unterstützung von Künstlerfreunden, das am 23. Mai 2006 von der Polizei beschlagnahmte 40 Meter lange Antikriegscamp des Friedensaktivisten  Brian Haw. Dieser campierte während fünf Jahren auf dem Londoner Parliament Square und protestierte mit einer beeindruckenden Antikriegs-Installation mit über 600 inhaltsvollen gemalten Transparenten, Texten, Objekten,  blutbespritzten Puppen gegen die völkerrechtswidrige Kriegspolitik und die Kriegsverbrechen von Tony Blair. Mit den Puppen und Teddybärs verwies Haw auf die unzähligen täglichen Kindermorde im Irak und die Zerstörung der Spitäler, Schulen und der zivilen Infrastruktur. Auch ein zeltartiger Unterschlupf für den Friedenskämpfer und eine Tee-Kochnische waren in der Installation integriert. Nachdem ihm, im Namen des scharfen „Serious Organised Crime and Police Act“ verboten wurde weiter zu demonstrieren, wurde sein riesiges Mahnmal gegen den Krieg von der Polizei beschlagnahmt. Dies entsetzte breite Kreise der Öffentlichkeit und der britische Künstler Mark Wallinger entschloss sich diese Antikriegs-Installation nachzubauen und im Museum, in der renommierten Tate Britain, auszustellen und so der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Dies wurde im Rahmen eines  Ausstellungsprojekts mit dem Thema „Gedenk-Installationen“ möglich, wo bereits berühme Künstler wie Richard Long, Richard Serra und Luciano Fabro beteiligt waren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, den Friedenskämpfer für das Projekt zu überzeugen, konnte der Künstler sein Werk ausführen. Die nachgebaute Installation wurde im und vor dem Museum gezeigt, wurde viel beachtet und ergab die dringend nötige breite Diskussion. Die Kriegswirtschaft, die Kriegpolitik und die alarmierende Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten durch neue „Anti-Terrorgesetze“ sind nicht nur in England und Amerika zu beobachten, sondern auch in anderen europäischen Ländern. In Frankreich sollen demnächst 3 Millionen Überwachungskameras montiert werden! Die Erosion der bürgerlichen Freiheitsrechte beschäftigt den Künstler seit langem.  Mit seiner vorbildlichen künstlerischen und politischen Aktion hat Mark Wallinger auch einen wichtigen Beitrag zum sofortigen Stopp des Kriegswahnsinns geleistet. Der Turner-Preis-Nominierte Mark Wallinger, 1959 in Chigwell geboren studierte an der Chelsea School of Art und am Goldsmiths’ College in London. Er vertrat Grossbritannien auch an der 49. Biennale von Venedig 2001 und setzt sich seit den 80er Jahren für die Bewusstmachung der Bevölkerung für die Freiheitsrechte und die entsetzliche Kriegspolitik seines Landes ein. Kultur und Frieden verbinden sich hiermit zu einer vorbildlichen gelebten politischen, ethischen und ästhetischen Einheit. Ein Vorbild für Künstler, für die Zivilgesellschaft und für die junge Generation!

Weitere Informationen und Abbildungen unter: http://www.tate.org.uk/britain/exhibitions/wallinger/

Zur gegenseitigen Wertschätzung der Kulturen als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens

Rückblick auf die Ausstellungen und Publikationen «Venedig und der Islam» und «52. Biennale» in Venedig, 2007

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Schweiz

Nach Paris und New York war die grosse und vielbesuchte Ausstellung «Venedig und der Islam» in Venedig zu sehen. Die von Stefano Carboni kuratierte Schau wurde durch eine Kooperation mit dem Institut du Monde Arabe in Paris, dem Metropolitan Museum of Art, New York, und der Musei Civici Veneziani möglich. Das umfangreiche Katalogbuch dokumentiert mit viel Bildmaterial den heutigen Forschungsstand zu dieser wichtigen Thematik.
Venedig ist mit seinen Lagunen ein einzigartiges Gesamtkunstwerk und seit 1987 auch ein Unesco-Weltkulturerbe. Der Palazzo Ducale, der Dogenpalast mit seinen vielfältigen Bezügen zum Orient, zur Stadt- und Kirchengeschichte, war der ideale Ort für diese Ausstellung. Viele Palazzi der zauberhaften Lagunenstadt zeigen neben den Stilmerkmalen der Renaissance und des Barocks den starken Einfluss des Orients. Besonders schön kommt dies bei der Basilika San Marco mit den prachtvollen Mosaikbildern, den Kuppeln und der reichen Ornamentik zum Ausdruck. Schon hier werden die Themen und Bilder der Ausstellung gut sichtbar. Viele zeigen die respektvolle und würdevolle Begegnung der Menschen aus Orient und Okzident, aus der christlichen und der muslimischen Kultur. Die verschiedenen Kulturen werden in einer respektvollen und feierlichen Begegnung dargestellt und leiten so auf gelungene Weise in die Thematik der Ausstellung ein. Dass die Ausstellung das Gewicht auf das Verbindende unter den Menschen und die gegenseitige Wertschätzung der Kulturen legt, ist gerade das, was unsere gegenwärtige Welt dringend benötigt.

Venedig als interkulturelle Hafenstadt

Die Ausstellung zeigt Kunstwerke dieser kulturellen Begegnung im komplexen historischen Rahmen der Zeit von 828 bis 1797, einer Zeit, die auch von Kriegen, Sklaverei und Kolonialismus gekennzeichnet war. Viel stärker aber waren zwischen Venedig und dem Islam der gegenseitige Respekt und der fruchtbare Austausch von kulturellen Gütern, Kunst und Wissenschaft. Bereits im 9. Jahrhundert entstanden Handelsbeziehungen mit Syrien, Ägypten und Nordafrika. Die Meereszugänge und Hafenverbindungen waren für die Herrscher in Venedig entscheidend. Damit wurde die Abwicklung des Handels, der Verkauf von Gewürzen, vor allem Pfeffer, sowie von Seide, Purpur, Baumwolle und Alaun gesichert. Die Lagunenstadt war ganz abhängig von der Einfuhr von Rohstoffen und Nahrungsmitteln.
Zwischen dem 9. und dem 11. Jahrhundert entwickelte sich eine reiche Handelstätigkeit entlang dem Seeweg im Mittelmeerraum. Venedig errichtete Handelshäuser in Jerusalem, Alexandrien, Akko, Beirut, Aleppo, Damaskus, Kairo. So entwickelten sich die Handelsbeziehungen zwischen den Venezianern und der muslimischen Welt entlang der «Gewürzroute» und der «Seidenstrasse». Venedig erwarb sich immer mehr Unabhängigkeit und Autonomie. Neben den Handelsvorteilen entstand durch diese Begegnungen auch eine gegenseitige Wertschätzung. Man lernte voneinander, und viele Ideen, Wissen, Kultur und Aspekte des Lebensstils wurden übernommen. Viele Venezianer – nicht nur Kaufleute, auch Politiker und Gelehrte des späten Mittelalters und der Renaissance – sprachen arabisch.
Die Ausstellung «Venedig und der Islam» beinhaltet Werke, welche diese Begegnung mit den Arabern, den Mamelucken, den Persern, den Osmanen und den Türken dokumentieren. So zeigt beispielsweise ein Porträt von Tizian den Dogen Andrea Gritti, welcher fliessend türkisch sprach und als angesehener Vermittler zwischen den beiden Kulturen galt. Venedig war auch die einzige europäische Macht, welche Gesandte mit festem Sitz in den Städten des Nahen Orients hatte. Das Plakat der Ausstellung zeigt das berühmte Porträt des Sultans Mohamed II von Istanbul und das des Dogen Giovanni Mocenigo des berühmten Malers Gentile Bellini (1479–1481). Dass sich der Sultan von einem christlichen Maler porträtieren liess, zeigt das gute Verhältnis. Die Dogen haben sich nie, im Unterschied zu vielen anderen im katholischen Europa, als Herren gegenüber dem Islam aufgespielt. Die Handelsabkommen zwischen dem Dogen, dem Sultan und Gesandten wurden im Rahmen von offiziellen Empfängen mit strengem Zeremoniell geschlossen. Dabei wurden kunsthandwerkliche Geschenke ausgetauscht, die den gegenseitigen künstlerischen Stil befruchteten. So lernten sie auch ihre philosophischen und wissenschaftlichen Traditionen zu schätzen und knüpften gute Verbindungen zu den grossen moslemischen Dynastien und zu den Venezianern. «Ebenso wie sich Venedig der islamischen Kultur mit Respekt und mit Bewunderung annäherte, so erfuhr es im Gegenzug wechselseitiges Interesse. Schliesslich erlernten einerseits venezianische Künstler und Handwerker orientalische Techniken, Stile und Verzierungen, während anderseits orientalische Händler Objekte venezianischer Manufakturen importierten, welche von den Sultanen geschätzt und in Auftrag gegeben wurden.»

Beeindruckende künstlerische Schöpferkraft

In der Ausstellung und im reich illustrierten Katalogbuch werden die wichtigen Themen des interkulturellen Wechselspiels chronologisch dargestellt. Eingeleitet wird die Schau mit der legendären Überführung der Gebeine des heiligen Markus aus Alexandrien in Ägypten nach Venedig, welche die tiefen wechselseitigen Beziehungen zwischen Venedig und der orientalischen Welt zeigen. Dieses Ereignis bot dem Dogen die Möglichkeit einer triumphalen Ehrerbietung und den Bau der Markus-Basilika, wo die Gebeine ihre Ruhestätte finden sollten. Der Evangelist Markus war für Venedig direkter Zeuge des göttlichen Wortes und Vorbild für die venezianische Unabhängigkeit. Die Ausstellung endet mit dem Untergang der Serenissima, der Republik Venedig im Jahre 1797.
Besonders fruchtbar war der Austausch der Kulturen zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert, und aus dieser Epoche ist ein Grossteil der zweihundert Exponate zu sehen. Dabei werden dem Besucher neben Bildern aus berühmten Malerateliers, wie denen von Bellini, Tizian oder Veronese, auch zauberhafte kunsthandwerkliche Objekte, Schriftdokumente und die naturwissenschaftlichen Schätze des Orients von der Kartographie bis zur Medizin vor Augen geführt. Die Ausstellungsobjekte und Abbildungen im Katalog zeigen die Glasbläserkunst, die vom Orient nach Venedig kam, sich hier zur grossen Blüte entwickelte und wiederum in Form von Aufträgen osmanischer Sultane von Venedig in den Orient gelangte. Auch Seide, Samt und Teppiche sind mit ihrer zauberhaften Ornamentik und kunsthandwerklichen Technik zu bewundern. Die Metallarbeiten aus Damaskus und Kairo mit reichen Silber- und Goldintarsien verziert, zeigen die wechselseitige Beeinflussung der kulturellen Stile.
Auch die prachtvollen Objekte in Lacktechnik und die zierlichen, reich verzierten Porzellangefässe hatten ihren Ursprung im Fernen Osten und fanden später ihre Anwendung in der islamischen Welt. Für die Lacktechnik wurden in Venedig spezielle Harze, Pigmente und Farbstoffe aus der Türkei oder Iran eingeführt, und über Jahrhunderte wurde im wechselseitigen Austausch eine eigene Porzellanmanufaktur aufgebaut.
Besonders eindrücklich wurde das «Goldene Zeitalter der arabischen Wissenschaften» dargestellt. Von der Mathematik zur Astronomie, von der Chemie bis zur Medizin sind hier die Wurzeln unserer Wissenschaften. So ist beispielsweise «Algebra» ein arabisches Wort, und die arabischen Zahlen verwenden wir bis heute. Die typisch griechische Klassifikation der Wissenschaften stammt ebenso aus dem Orient. Viele grosse arabisch-islamische Denker waren gleichzeitig als Wissenschafter tätig, und deren Beitrag zur Blüte der Kultur und Wissenschaft im christlichen Okzident kann nicht genug gewürdigt werden. So waren es die Venezianer, welche die erste gedruckte Ausgabe des Korans im Jahre 1537 publizierten, es waren die Venezianer, die die astronomischen Werke von Ptolemäus druckten und das medizinische Kompendium von Avicenna verbreiteten.

Menschenwürde, Respekt vor den Kulturen und gerechter Handel

Die Ausstellung regt zum Nachdenken über die Gegenwart an. Der über Jahrtausende dauernde kulturelle Zivilisationsprozess und Weg zu einem gleichwertigen humanen Zusammenleben erlitt immer wieder gewaltige Rückschläge, die durch das gewaltsame Überschreiten kultureller und menschlicher Normen verursacht wurden und unsagbares Leid über viele Menschen und Völker brachte. Mit dem kulturellen Reichtum des Orients, der Antike und der mehr auf das Vernunftsdenken mit moralischen Normen ausgerichteten Renaissance, der Aufklärung und der Kirchenentwicklung errangen die Völker dieser Erde mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vor 60 Jahren schliesslich eine gemeinsame ethische Zielsetzung, welche der Anthropologie und der Natur des Menschen entspricht. Diese Rechte und Werte sind gültig und müssen durchgesetzt werden. Der Ausstellung «Islam und Venedig» kommt, gerade in der heutigen Zeit, in der der Gegensatz zwischen Islam und Abendland propagandistisch hochgespielt wird, das grosse Verdienst zu, das menschlich Verbindende der Kulturen hervorzuheben.
Dass diese Ausstellung während der 52. Internationalen Kunstausstellung der «Biennale von Venedig» zu sehen war, verlieh ihr noch zusätzliche Aktualität. Denn das Thema der Biennale mit internationaler Gegenwartskunst stand unter dem Motto «Denken mit Gefühl – Gefühl mit Denken» und verband sich so bestens mit diesen anthropologischen Grundlagen, dem Kulturaustausch zwischen dem Orient und Venedig und der Gegenwart. Auch der Ort der Ausstellung, die «Arsenale» – die historische Hafenanlage mit den Galeeren und Lagerhäusern – stellte Bezüge zur Ausstellung «Venedig und der Islam» her.
Viele internationale Kulturbeiträge waren hier dem heutigen Kriegselend und der sich immer weiter öffnenden Schere zwischen arm und reich gewidmet. Gerade die Entwicklungsländer in Lateinamerika und Afrika sowie Länder, die vom Krieg geplagt sind, trugen die wertvollsten Kunstwerke bei. Auch viele europäische Länder und Künstler zeigten kritische Werke: An der Ausstellung fanden postmoderne Beliebigkeit und dekadente Luxuskonsumwelt keinen Platz. So konnten die Besucher der Ausstellung die Kultur des Orients an einzigartigen Ausstellungsobjekten bewundern und anhand von Gegenwartskunstwerken über das heutige Kriegs- und Armutselend vielfältige Bezüge herstellen. Denn gerade im Orient, in Afghanistan, im Nahen Osten und im Irak, der kulturellen Wiege der Menschheit und Zivilisation, führen die Kriegsmächte mit ihrer Kriegsindustrie grausame völkerrechtswidrige Kriege, ein Verbrechen an der Menschheit und Kultur. Deshalb steht heute die Verpflichtung und der politische Wille zur Beendigung der Kriege im Zentrum. Niemand hat das Recht, über ein anderes Land und seine Kultur zu bestimmen, es zu besetzen und auszurauben. Vielmehr regen diese Kunstwerke und die Ausstellung dazu an, wieder zivilisiert und auf rechtsstaatlichem Boden Handel zu betreiben, eine menschliche Produktionsweise und gerechte Güterverteilung zwischen Morgen- und Abendland und auf dem ganzen Globus zu fordern.
Beide Ausstellungen zeigen uns allen die gegenseitige Wertschätzung der Kulturen und die gemeinsamen anthropologischen Grundlagen aller Menschen: In Gleichwertigkeit, Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit zu leben.

Kriegsfotografien und Friedenspädagogik

Zum ausgezeichneten Buch über die „Bilder des Krieges – Krieg der Bilder“ eine „Visualisierung des modernen Krieges“ von Gerhard Paul

Von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen

Der Buchverlag der Neuen Zürcher Zeitung überrascht immer wieder mit ausgezeichneten Neuerscheinungen. (2004) Die hier vorliegende europaweite erste Gesamtdarstellung der Geschichte des modernen Krieges und der Kriegsfotografie wird sicher zu einem Standardwerk. Mit über 200 Abbildungen in Farbe und Schwarz-Weiss und hochinteressanten Texten führt der Historiker und Sozialwissenschafter Gerhard Paul auf 520 Seiten in die Fotografie, den Film und in die elektronischen Medien der modernen propagandistischen Kriegs-Bildersprache ein. Unter verschiedenen Gesichtspunkten geht der Autor auf die komplexe Thematik ein. Erfreulich daran ist, dass er auch die friedenspädagogischen und geschichtsdidaktischen Aspekte berücksichtigt, weil Kriegsfotografien, so Gerhard Paul „immer auch gegenwärtige Einstellungen zum Krieg prägen, dessen Akzeptanz verstärken oder verringern.“ Damit wird die dringend nötige Belebung einer nachhaltig wirkenden Friedenspädagogik angesprochen, gerade in einer Zeit, in der hochtechnologische und elektronische Kriege geführten werden und der Einsatz von Atomwaffen „salonfähig“ werden soll. Gerade die bei der Jugend weit verbreiteten Computerspiele und die darin vielfach enthaltene Militarisierung und Brutalität führen zu einer verheerenden Gewaltbereitschaft, Akzeptanz und Bewunderung von High-Tech- Kriegsführung. Viele Bildberichte der modernen Krieg verdecken die Wahrheit der Brutalität des Krieges und zeigen auch die wahren Absichten nie: „Was Kriege sind, warum sie geführt werden, welche Folgen sie für die Menschen haben, erschliesst sich nicht aus den Bildern“ schreibt Gerhard Paul und hält fest: „Die modernen Bildmedien Fotografie, Film und Fernsehen - so eine zentrale These dieses Buches – versuchten das katastrophisch antizivilisatorische Ereignis des Krieges zu einem zivilisatorischen Akt umzuformen, ihm eine Ordnungsstruktur zu verpassen, die dieser per se nicht besitzt. Auf diese Weise trugen und tragen die medial generierten Bilder des Krieges zur immer wieder neuen Illusion seiner Plan- und Kalkulierbarkeit bei.Dass Kriege in den Köpfen einiger weniger Wahnsinnigen entstehen und dass dabei geostrategische Ziele mit dem „industriell-militärische Komplex“ im Zentrum stehen, wird in den Kriegsfotografien und den Medienberichten nicht  sichtbar. (Das Buch von Peter Forster „Die verkaufte Wahrheit – Wie uns Medien und Mächtige in die Irre führen“ bietet zu dieser Thematik auch wertvolle Einblicke.) Immer wieder lesen wir auch Meldungen, dass die US-Armee mit bezahlten Presseartikeln und propagandistisch eingebundenen Fotografien den völkerrechtswidrigen „Irak-Krieg“ führen. So berichtete die NZZ am  9.12.2005, dass in Dutzenden Artikeln für die grossen Zeitungen Iraks beschönigende Beiträge von US-Militärvertretern publiziert  wurden, „die nur dem Anschein nach von unabhängigen Journalisten verfasst wurden“. „Hochrangige Mitarbeiter bestätigten, dass die Privatfirma Lincoln Group unter Vertrag stand, um irakische Medienunternehmen mit vom US-Militär produzierten und bezahlten Beiträgen versorgen.“ Auch wird kaum über die krass gegen die Genfer Konventionen und Menschenrechte verstossenden geheimen Gefangenenlager und Folterpraktiken berichtet. Kriegsfotografien und mediale Berichterstattung darf nicht dazu missbraucht werden, um das wahnsinnige Morden und Bombardieren zu rechtfertigen. Immer gab es auch Fotoreporter, die gegen grosse Widerstände, unabhängig und ihrem Gewissen folgend das wahre Schreckensbild des Krieges zeigten. Es ist deshalb eine publizistische Verpflichtung, diese wahren Hintergründe der Bilder zu zeigen. Daraus erwächst aber auch die Aufgabe, eine Ethik des Journalismus und der Fotografie neu zu beleben. Die Ächtung des Krieges und das Mitarbeiten am Frieden ist für die Pädagogik und Erziehung eine wichtige Aufgabe. Die Wertschätzung des Dienstes am Mitmenschen und eines Beitrages für das Allgemeinwohl muss als Erziehungs- und Bildungsziel wieder mehr im Zentrum stehen. Der Jugend sollen Vorbilder der Völkerverständigung, gewaltloser Konfliktlösung und die humanitäre Tradition vermittelt werden. Sie sind überall in der Welt zu finden. In diesem Sinn können Kriegsfotografien einen wertvollen Beitrag zur Friedenspädagogik in Schule und Elternhaus leisten.

Bildmedien im Dienst der Kriegspropaganda

In einem gut bebilderten Vorspann führt Gerhard Paul in die ikonographischen Muster der Kriegsdarstellungen in Malerei und Grafik von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert ein. Viele dieser Bilder dienten den frühen Kriegsfotografen als Vorlagen, denn Erfindung und weite Verbereitung der Fotografie vor 150 Jahren etablierte sich in allen Bereichen des Lebens. Anfänglich waren die Auftraggeber das staatliche Kriegsministerium mit ihren Sonderabteilungen und die bekannten Fotopioniere wie Roger Fenton der allein vom Krim-Krieg (1853-1856) 360 Glasplatten-Fotografien herstellte. Schon hier wurde ein regelrechter Propaganda- und „Pressekrieg“ geführt. 25‘000 britische, 55'000 französische und 70'000 russische Soldaten verloren in diesem brutalen Stellungs- und Belagerungskrieg ihr Leben. Das war aber auf den Fotografien nicht ersichtlich, auch hier sollte die Realität verschwinden und der Auftrag war: „No dead bodies!“ Gerhard Paul schreibt dazu: „Die Negation des Todes und die Ordnung des Krieges gehörten in der frühen Kriegsfotografie wesensmässig zusammen und überzogen den modernen Krieg mit einem exkulpierenden romantischen Schleier.“ Die Kriege in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, so der Amerikanische Bürgerkrieg, die deutschen Reichseinigungskriege, die Pariser Commune und der Spanisch-Amerikanische Krieg von 1898 stellt der Autor dar: „Die Kriege des 19. Jahrhunderts waren die ersten modernen Kriege der Geschichte. Als solche bezeichnen wir jene durch den Einsatz von Massenheeren, durch industrialisierte Schlachtfelder, durch neue mechanische Waffen wie das Maschinengewehr und moderne Kommunikationsmedien wie die Telegrafie geprägte, tendenziell unüberschaubar gewordenen Kriege, die über immer mehr Entfernung Tod und Vernichtung brachten, in denen sich Kontrahenten selbst kaum  mehr zu Gesicht bekamen.“ Allein im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) war das Elend dieses ersten wirklich industrialisierten Krieges unbeschreiblich: „Mit seinen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung, mit der Verwüstung und Entvölkerung ganzer Landstriche bezifferten sich allein die militärischen Verluste auf rund 618'000 Tote. Von ihnen starben etwa 200'000 Mann im Kampf oder an seinen direkten Folgen; der weitaus grössere Teil wurde Opfer von Infektionen und Krankheiten.“ So zählte dieser Krieg mehr Opfer als jeder andere im 19. Jahrhundert. Die Fotografien im reichbebilderten Band machen deutlich, dass sich in den bisherigen Kriegen noch Fronten und Soldaten, also einzelne Menschen mit einem Gewissen und noch einem Stück Menschenwürde gegenüberstanden, so sollten die weiteren Kriege auch diese Dimension noch ausschalten. So brachte der Zweite Weltkrieg wiederum eine unbeschreibliche Steigerung des Vernichtungspotentials zum „totalen Krieg“. Er „bildet der Höhepunkt in der Geschichte des industrialisierten Krieges und der Verschmelzung von Politik und Krieg unter dem Primat der Politik“ und Gerhard Paul betont: „Mit dem Bestreben zur vollständigen Niederwerfung des Gegners und zur völligen Zerstörung der feindlichen Macht hatten die Ziele und die Methoden des Krieges totale Ausmasse angenommen. Unter Missachtung des internationalen Rechts und allgemeiner moralischer Prinzipien brachten die Krieg führenden Mächte alle verfügbaren Macht- und Zerstörungsmittel ohne jede Rücksicht gegen den Feind zum Einsatz. Voraussetzung hierfür war die totale Mobilisierung sämtlicher Ressourcen von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zum Zwecke der Kriegsführung.“ Gerhard Paul zeigt das beeindruckende Foto von Dimitri Baltermanz vom Frühjahr 1942 bei Kertsch auf der Krim, wo der Fotograf in einer Bildserie unter dem Titel „Leid“ Frauen zeigt, die auf dem Schlachtfeld bei einem Massaker der SS-Wehrmacht ihre ermordeten Angehörigen suchen, nachdem die Schneeschmelze den Blick auf die Toten freigegeben hatte. Das Bild durfte während des Krieges nicht publiziert werden, da es als „defätistisch galt, die Menschen in ihrem Leid abzulichten“. Nur ganz klein wurde das Foto 1942 in einer Zeitschrift veröffentlicht, erst in den 1970er Jahren konnte es, auch als Dokument des Pazifismus verbreitet werden. Ganz eindrückliche Aufnahmen, die das wahre Gesicht des Kriegs zeigten wurden vom Fotoreporter Robert Capa (1913-1954) bekannt. Auch er kam wie viele andere Kriegsreporter bei seiner Arbeit ums Leben, Capa wird 1954 in Nord-Vietnam, beim Fotografieren einer Gruppe französischer Soldaten von einer Landmine getötet. Gerhard Paul zeigt auch ausführlich Fotografien des Nazi-Terrors und die Schreckensbilder der Konzentrationslager und des Bombenkrieges über den deutschen Städten. Wie dabei von den Alliierten systematisch und grausam vorgegangen wurde und die Zivilbevölkerung in Schutt und Asche bombardierte hat Jörg Friedrich mit seinen Büchern verdienstvoll aufgearbeitet. Dass schon damals genaue Luftaufnahmen der Konzentrationslagern und ihrer Zufahrtsbahnlinien bekannt waren und es ein leichtes gewesen wäre, die Zufahrt zu diesen entsetzlichen Vernichtungslager zu bombardieren, ist noch eine dringende Aufgabe der heutigen Geschichtsaufarbeitung.

Kriegsfotografien als Beitrag zur Antikriegsbewegung

Mit der Visualisierung des modernen Krieges im 20. Jahrhundert mit dem Ersten Weltkrieg, dem Spanischen Bürgerkrieg, dem Zweiten Weltkrieg und dem Vietnam-Krieg werden bereites viele Neuerungen in der medialen Praxis sichtbar. Im mehr als 10 Jahre dauernden Vietnam-Krieg wurden die Fotoberichterstattung und besonders die Fernsehbilder besonders wichtig. Nicht nur als propagandistische Rechtfertigung des Krieges gegen ein schon unter dem Kolonialismus leidenden Land, sondern auch erstmals als abschreckende Wirkung von Kriegsbildern. Dass dabei zwischen 700'000 und zwei Millionen Tote sowie 300'000 Vermisste auf vietnamesischer Seite geschätzt werden und „von den drei Millionen Amerikanern die zwischen 1961 und 1973 in Vietnam Dienst taten, bezahlten 58'000 Soldaten ihren Einsatz mit dem Leben. In Südvietnam hinterliess der Krieg 900'000 Waisen, eine Million Witwen und 200‘000 Prostituierte. Im Norden des Landes wurden alle städtischen Industriezentren sowie etwa 70 Prozent der landwirtschaftlichen Genossenschaften durch Luftangriffe schwer beschädigt. Im Süden zerstörte der Krieg 60 Prozent aller Dörfer. Mehrer Millionen Hektar land und Wald wurden durch Minen, Herbizide, Entlaubungsmittel und Pflanzengifte vernichtet.“ Die Grausamkeiten des Vientnam-Krieges führten nicht zuletzt durch Fotografien und Berichte zu einer Mobilisierung der amerikanischen Bevölkerung und er Weltöffentlichkeit und Amerika musste sich zurückziehen. „Die Wende in der visuellen Kriegsberichterstattung aus Vietnam markierten vor allem die Aufnahmen von zwei jungen amerikanischen Fotografen, die zu Ikonen des Vietnam-Krieges werden sollten: die Fotografien von Eddie Adams 1968 aus Saigon und die Bilder des Militärfotografen Sergeant Ronald Haeberle 1996 aus My Lai“. AP-Reporter Adams fotografierte den grauenhaften Augenblick der Erschiessung eines gefesselten Vietcong-Angehörigen durch den mit einer Pistole bewaffneten Polizeichef von Südvietnam General Nguyen Loan, auf offener Strasse. Das Bild erschien in allen grossen Zeitungen und wurde später in Tausenden von Blättern in aller Welt reproduziert. Auch das Bild des Massakers an Mütter und Kindern in My Lai im März 1968 wurde als abschreckendes Beispiel des Krieges weltweit verbreitet. Die Fotografie der Tötung von Frauen und Kinder  durch eine Gruppe von amerikanischen Soldaten unter der Leitung  von Lieutenant William L. Calley jr. haben auch Künstler und Gruppen von Kriegsgegner für wirkungsvolle Plakate verwendet. Der für Amerika äusserst kostspielige und sehr lange Vietnam-Krieg hat bis heute seine negativen Auswirkungen, nicht nur für die USA sondern für die betroffenen Ländern und die Weltwirtschaft.

Verdeckte High-Tech-Kriege und Kriegspropaganda der Gegenwart

Mit dem Golf-Krieg und der „Operation Wüstenmaulkorb“ wurde ein neues Verhältnis von Militär und Medien durchexerziert. Damit sollte ein „zweites Vietnam“ verhindert werden. Nur bestimmte zu einem Pool zugelassene Journalisten wurden mit ganz propagandistisch ausgewählten „Informationen“ versorgt. Nur 178 von 1.600 Korrespondenten wurden in den Pool aufgenommen und aus „erster Hand“ versorgt. „Erst nach Ende der Kämpfe erhielten einige Kamerateams und Fotografen die Erlaubnis Aufnahmen von dem zerstörten irakischen Konvoi auf der Strasse nach Basra zu machen.“ Diese Taktik sollte in Zukunft noch verfeinert werden. Gerhard Paul bezeichnet die Merkmale der heutigen globalen Fernsehberichterstattung mit den Begriffen „Beschleunigung, Fiktionalisierung und Entertainisierung“. Die heutigen mit viel, Technologie, Elektronik, Fälschung und Manipulation geführten „postmodernen Kriege“ der Gegenwart zeigen die Schrecken des Tötens und die Leiden der Zivilbevölkerung nur noch am Rand. Dafür werden „Echtzeit-Kriegsbilder“ fast zeitgleich mit dem Kriegsgeschehen live am Fernsehen Bilder gezeigt. Diese Bilder sollen durch eine genau Inszenierung, Zensur und Manipulation die Rechtfertigung und den „Erfolg“ der grauenvollen Kriegsgreuel vortäuschen. Durch die Geschwindigkeit der Bildfolgen und täglichen „News“ kann der Betrachter die „Informationen“ nicht mehr überprüfen, der Zuschauer erhält bewusst keine Zeit zum Nachdenken, sondern wird mit Kommentaren und Fotografien von „eingebetteten“ Reportern regelrecht zugedeckt. In Tat und Wahrheit sind die wenigsten Bilder wirklich „live“ vom unmittelbaren Kriegsschauplatz gesendet worden: „Eine Ausnahme bildeten die Berichte der drei CNN-Reporter Bernard Shaw, Peter Hollimann und Peter Arnett, die die ganze Nacht vom Dach eines Hotels in Bagdad die Bombenangriffe auf die irakische Hauptstadt als ästhetisches Spektakel geschildert und die Lichter mit einem Christbaum verglichen hatten.“ Die „Live-Suggestion“ beruhte weitgehend auf dem Zuschalten der verschiedenen Korrespondenten in aller Welt, die ihren meist vorfabrizierten Kommentar beisteuerten. Viel zu wenig bekannt wurde die skandalöse Lügenpropaganda im Golf-Krieg. Dort wurden Erfahrungen vom Kosovo-Krieg 1999 angewendet. So arbeitet Hill & Knowlton (H&K), eine der grössten PR-Agenturen der USA, mit gefälschten Bildmaterialien und Gräuelgeschichten. So deckte John R. MacArthur die so genannte „Brutkasten-Story“ als ein Produkt dieser Agentur auf. „Als Beweis für die Grausamkeit des irakischen Diktators Saddam Hussein und seiner Truppen präsentierte man der Weltöffentlichkeit ganz in der Tradition der gegen Deutschland gerichteten alliierten Gräuelpropaganda des Ersten Weltkrieges die mit dem Seriositätsstempel von Amnesty International versehene Geschichte einer angeblichen kuwaitischen Krankenschwester. In Ermangelung authentischer Bilder berichtete diese vor dem Arbeitskreis für Menschenrechte im US-Kongress auf dem Capitol und vor den Fernsehkameras unter Tränen mit angesehen zu haben, wie irakische Soldaten in einem Krankenhaus in Kuwait-City Babies aus den Brutkästen gerissen und auf dem kalten Fussboden zurückgelassen hatten, wo diese dann gestorben seien. Wie sich erst später herausstellte, handelte es sich bei der ‚glaubwürdigen Augenzeugin‘ um die von H&K präparierte 15jährige Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Eine im UN-Sicherheitsrat wenige Tage später vorgestellte audiovisuelle Präsentation von H&K unterfütterte die Geschichte der marodierenden und mordenden irakischen Soldaten mit weiteren vermeintlichen ‚Augenzeugen‘. Die 10,8 Millionen Dollar teure Gräuelkampagne verfehlte nicht ihr geplantes Ziel. Am 29. November 1990 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 678, mit der seine Mitgliedstaaten ermächtigt wurden die irakischen Truppen mit militärischer Gewalt aus Kuwait zu vertreiben.“ Gerhard Paul listet unzählige Beispiele auf, die eine unglaublich Irreführung und Verharmlosung des Kriegs durch die Medien zeigen. Krieg wurde so zunehmend zu einem inszenierten TV-Infotainment, wo die wahren Hintergründe, die Leiden der Bevölkerung, der Kinder und Soldaten sowie die unzähligen Toten nicht mehr zu sehen sind. Auch die von den Presseagenturen eingespeisten Zielbilder und –videos der Kampfflugzeuge und die von Generälen geführten Pressekonferenzen wo Luftaufnahmen auf Angriffsziele fast schulmeisterlich erläutert werden, sollen das Bild eines „sauberen High-tech-Krieges“ vermitteln. Menschen werden dabei nicht mehr gezeigt. Ganz krasse Beispiele von Desinformation und Lügenpropaganda waren im Kosovo-Krieg zentral. So wurden der Weltöffentlichkeit als Beweis für die Schuld des rumänischen Diktators Ceausescu ein Massengrab mit Leichen gezeigt, „bei denen es sich nachweislich um Personen handelte, die alle eines natürlichen Todes gestorben waren“. Zum Zweck der medialen Schuldbehauptung hatte man sie aus den Kühlräumen des städtischen Krankenhauses entwendet und medial zur Schau gestellt.“ Der Kosovo-Krieg benötigte „nicht mehr Hunderttausende von Soldaten. Es war der erste Krieg, der von alliierter Seite ohne Bodentruppen geführt wurde. Mit der Dominanz der Luftwaffe wurde der Krieg zum totalen Krieg, der die Zivilbevölkerung neben den unmittelbaren militärischen Objekten zum entscheidenden Ziel machte. Erstmals schien die neue Option auf, dass es möglich sei, den Gegner zu schlagen ohne ihm tatsächlich auf dem Boden zu begegnen. De facto wurde der Krieg daher von maximal 1.500 NATO-Fliegern und einer kleinen Elite der serbischen Luftverteidigung praktizierte, Gegner also, die sich selber nie zu Gesicht bekam. Innerhalb von wenigen Sekunden hatten junge Piloten bzw. Waffensystemoffiziere auf ihren 10-mal 10-Zentimeter grossen Bildschirmen ihr Ziel zu identifizieren und die Entscheidung zum Abschuss ihrer vermeintlichen Präzisionswaffen zu treffen.“ Bei diesen Angriffen werden zivile Opfer als „Kollateralschäden“ bezeichnet und das humanitäre Völkerrecht wird permanent verletzt. Die grundlegendsten internationalen Standards für das Verhalten im Krieg werden nicht mehr eingehalten. So wurden in den Kriegen der Gegenwart vom Kosovo und Afghanistan bis zum Irak der Schutz der Bevölkerung, Spitäler, Schulen, Museen usw. in keiner Weise eingehalten. Gerade darauf hinzuweisen, wäre die Pflicht der Medien und Reportagen. Mit dem „Krieg gegen den Terror“ werden sogar die grundlegendsten Bürgerrechte und rechtsstaatlichen Grundlagen ausgeschaltet. Tausende von „angeblichen terrorverdächtige Personen“ werden ohne Rechtsgrundlagen ausspioniert, verhaftet und gefoltert. Mit der wahnsinnigen Kriegserklärung von US-Präsident Bush: „Entweder ihr seid auf unserer Seite, oder ihr seid auf der Seite der Terroristen“ werden ganz direkt auch den geltenden Menschenrechten den Krieg erklärt. So werden zahlreich wertvolle Hintergrundinformationen über die zahlreichen Kriege der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart auch über die Anschläge vom 11.9.2001 und den Krieg in Afghanistan vermittelt, wovon vieles davon nie in den Medien zu erfahren war.

Kriegsbildern im Dienst der Friedenspädagogik

Es wird beim Studium des Buches deutlich, dass vor keiner Lüge, Fälschung, Irreführung und Manipulation für Kriegszwecke zurückgeschreckt wird. Die Brutalität des Krieges darf  nicht verschleiert werden. Der Wahnsinn, das Leid und der Schmerz der Menschen muss fühl- und sichtbar werden, denn eine grausame Fotografie zeigt nur einen Bruchteil des Elends, denn die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer. Die journalistische Arbeit mit den modernen Bildmedien, Fotografie und Film, aber auch mit den elektronischen Medien Fernsehen und Internet erfordert neben Fachwissen ein hohes Ethos und Verantwortungsgefühl. Dies muss von der Bevölkerung, den Empfänger der Informationen auch immer wieder eingefordert werden. Deshalb ist die Lektüre dieses Buches besonders empfehlenswert, gerade auch bezüglich des gegenwärtigen vökerrechtswidrigen Irak-Krieges und dem geplanten Iran-Krieges. Der Autor belegt, dass die wahren Gründe der Kriege nie gezeigt werden und die Fotografen und Medien meist eingespannt werden sollen, die tatsächlichen Schrecken, der grässliche Tod und das unsägliche Leid der betroffenen Bevölkerung und Soldaten nicht zu zeigen: „Bereits eine Produktanalyse der visuellen Kriegsberichterstattung macht deutlich, dass die technisch wie die elektronisch erzeugten äusseren Bilder des Krieges bis auf wenige Ausnahmen nichts anderes als der Versuch sind, den Krieg zu humanisieren und den Kriegstod wenn nicht ganz zu verdammen, so ihn doch zu ästhetisieren bzw. zu entkörperlichen.“ Das Buch gehört nicht nur in die Hände friedensliebender Zeitgenossen, es kann auch für die Schule, den Unterricht und die Friedenspädagogik wertvolle Zugänge ermöglichen. Auch für jüngere Schüler kann ein Bezug gefunden werden: Der Krieg darf niemals auf das Niveau von Videospielen reduziert werden und Bildung soll dem Wohl der Menschen und der ganzen Weltgemeinschaft dienen! Für die Oberstufe und das Gymnasium leistet es auch für den Geschichtsunterricht, für Medienkunde und fächerübergreifende Unterrichtsprojekte gute Dienste. Gerhard Paul betont: “ Der Medienpädagogik, der Kulturwissenschaft und der Geschichtsdidaktik fallen in diesem Kontext eine erhebliche friedenspädagogische Verantwortung zu“ und beendet seine umfassende Darstellung ganz in diesem Sinn mit den Worten: „In die Rezeption der Bilder kriegerischer Gewalt ist so immer auch die Utopie eingeschrieben: So möge es nicht sein!“ und er fügt hinzu „In der Konsequenz geht es um nichts anders als um eine visuelle Entmilitarisierung und Entbarbarisierung der Köpfe“ und er bezieht sich auf die UNESCO-Präambel von 1945: „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.“

Albert Schweitzer

„Es gibt nicht nur ein Lambarene, jeder kann sein Lambarene haben“

Zum  2005 erschienenen und leider bereits vergriffenen Buch:
„Mit dem Herzen einer Gazelle und der Haut eines Nilpferdes – Albert Schweitzer in seinen letzten Lebensjahren und die Entwicklung seines Spitals bis zur Gegenwart“ von Jo und Walter Munz.

von Urs Knoblauch, Pädagoge und Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Überall in der Welt findet man Menschen, die sich uneigennützig in den Dienst der Ärmsten und Hilfesuchenden stellen. Es sind oft Menschen, die bescheiden und kompetent im Hintergrund wirken. Sie bauen Hilfswerke auf oder leisten in humanitären Organisationen vorbildliche Arbeit. Sie alle sind Hoffnungsträger der Mitmenschlichkeit, eines gelebten Christentums und des Friedens. Die Schweiz hat eine wertvolle humanitäre Tradition und es ist eine wichtige Erziehungsaufgabe, diesen grossen Schatz über die Generationen weiterzugeben. Die Bevölkerung, viele Vereine und Vereinigungen, die beiden Landeskirchen und viele Hilfsorganisationen leisten immer wieder beeindruckende Hilfe, nicht nur in aktuellen Notlagen. Auf der ganzen Welt finden wir solche vorbildlichen Hilfswerke und Persönlichkeiten, die für die junge Generation Vorbilder ihrer Lebensgestaltung werden. Das Wirken Albert Schweitzers stellt einen unschätzbaren Beitrag zu „Kultur und Frieden“ dar und es liegen auch zahlreiche Texte und Publikationen des grossen Humanisten und verschiedener Autoren zu dieser Thematik vor. Wenn die Lektüre dieser Bücher und Texte den Menschen innerlich so ansprechen, dass daraus Konsequenzen gezogen werden, so wie es Albert Schweitzer ausdrückte: „Es gibt nicht nur ein Lambarene, jeder kann sein Lambarene haben“.

Mitmensch sein und Verantwortung übernehmen

So war es auch beim jungen Mediziner Walter Munz, der sich schon früh am Wirken von Albert Schweitzer (1875-1965) orientierte. Er hatte den Wunsch, nach seinem Studium und der nötigen beruflichen Erfahrung nach Lambarene zu gehen. Er wurde noch von Albert Schweitzer persönlich als Nachfolger bestimmt und war während vielen Jahren als Chefarzt und Direktor zusammen mit seiner Frau und einem engagierten Mitarbeiterteam in Lambarene tätig. Walter und Jo Munz sind in Will /SG wohnhaft und haben drei erwachsene Töchter. Walter Munz war nach seinem Medizinstudium und der Spezialausbildung in Allgemeinchirurgie seit 1961 während 10 Jahren in Lambarene, dann war er während 18 Jahren als Chirurg im Spital in Wil/SG in der Schweiz tätig und von 1991 bis 1998 leitete er die Sozialmedizinische Krankenstation für Suchtkranke und Aidspatienten „Sune-Egge“ in Zürich. Seine Frau war als Hebamme und Krankenschwester in Holland, Südafrika und in Lambarene tätig. In der Schweiz war sie langjährige freiwillige Betreuerin von Gefangenen und Mitarbeiterin in Kontakt- und Anlaufstellen für drogenabhängige Menschen. Als Maltherapeutin gründete Jo Munz 1999 das „Atelier d’expression et de création“ im Albert-Schweitzer-Spital von Lambarene. Die verschieden Jahresberichte und maltherapeutischen Arbeiten geben einen guten Einblick in die grosse kreative Betreuungsarbeit. Walter Munz und seine Frau wirken bis heute mit ganzer Kraft für die Weiterführung des Urwaldspitals mit den Schweizerischen und internationalen Hilfsvereinigungen für das Albert Schweitzer-Spital.

„Am Menschen Gutes tun“

Das 2005 erschienene und leider bereits vergriffene Buch: „Mit dem Herzen einer Gazelle und der Haut eines Nilpferdes – Albert Schweitzer in seinen letzten Lebensjahren und die Entwicklung seines Spitals bis zur Gegenwart“ von Jo und Walter Munz enthält sehr eindrückliche und gut lesbare Erlebnisberichte von zahlreichen Mitarbeitern des weltberühmten Urwalddoktors. (Verlag Huber, CH-8501 Frauenfeld, ISBN 3-7193-1381-6). Zum ersten Mal wird die Spitalgeschichte von Lambarene bis in die Gegenwart dargestellt. Auch die Ausgabe in französischer Sprache ist vergriffen und es ist  zu hoffen, dass das Buch neu aufgelegt wird. Erfreulich ist, dass demnächst eine englischsprachige Ausgabe erscheinen wird. Die grosse Nachfrage nach diesen Büchern ist ein Zeichen der Hoffnung, dass die junge Generation einen Sinn im Leben sucht und zu Gerechtigkeit und zum Gemeinwohl aller Menschen auf diesem Globus beitragen möchte. Den Publikationen ist eine grosse Ausstrahlung zu wünschen. „Lambarene“ ist der Name der kleinen Stadt am Flussufer des Ogowe wo Albert Schweitzer sein Spital gründete. Der ursprüngliche Name „Lembareni“ bedeutet in der dortigen Galoa-Sprache „Wir wollen es versuchen!“ Jo und Walter Munz betonen im Buch, dass grosse Anstrengungen und umfassende Fähigkeiten nötig sind, um Lambarene zu erhalten: „Wer in Afrika etwas Rechtes leisten will, braucht das Herz einer Gazelle und die Haut eines Nilpferdes. Zur Vorstellung  der Gazelle gehören Wachsamkeit, Mut, Risikobereitschaft und ausdauernde Rennfähigkeit. Dies alles haben wir in Lambarene nötig. Vom Nilpferd  brachten wir das Beharrungsvermögen und seine dicke Haut als Symbol des Schutzes gegen Angriff und Kritik. Für uns Nachfahren ist auch das Gedächtnis des Elefanten notwendig, damit wir Albert Schweitzer nicht vergessen.“ Denn, so schreiben die Autoren weiter: „Albert Schweitzer, seine Botschaft der Ehrfurcht vor dem Leben und die Erinnerung an sein Spital in Gabun, Äquatorialafrika, rücken allmählich in die Vergangenheit. Aber sie dürfen nicht in die Vergessenheit absinken. Der Doktor hatte seiner Tochter Rhena Schweitzer-Miller für die Zeit nach seinem Tode die Verwaltung des Krankendorfes übergeben. Mir hatte er seine Nachfolge als Chefarzt des Spitals anvertraut. Im Sommer des Jahres 2000 besuchte Frau Rhena das Spital ihres Vaters zum letzten Mal, gemeinsam mit uns beiden. Miteinander erzählten wir gerne von unseren Erlebnissen aus früherer Zeit. Im Besonderen gaben wir die Erinnerung an die zwei gabunischen Hüterinnen des Museums weiter. Diese beiden Frauen haben den Besuchern das alte Spital zu zeigen. Wir hatten mit ihnen interessante Stunden des Erzählens und des Fragens. Zum Schluss wollte eine der Afrikanerinnen wissen: Ist es wahr, was wir gehört haben? Hat der Grand Docteur wirklich die Atombombe erfunden? Wir waren perplex über diese in sympathischer Arglosigkeit gestellte Frage. Sie bezeugte eine fast unglaubliche Lücke im Verständnis von Albert Schweitzer.“ Dieses Erlebnis trug unter anderem zum Entschluss bei, Albert Schweitzers Kernanliegen und Wirken der „Ethik von der Ehrfurcht vor dem Leben“, die Spitalentwicklung und die Berichte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Zeitzeugen aus den letzten fünf Lebensjahren von 1961 bis 1965 von Albert Schweitzer in einem Buch festzuhalten: „Am Abend dieses Tages entstand der Gedanke, unsere Erfahrungen mit Albert Schweitzer und seinem Krankendorf aufzuschreiben. Er hatte 1913 gemeinsam mit seiner Frau Helene ‚Lambarene‘ gegründet und bis zu seinem Tod im Jahr 1965 geleitet. Sein Spital arbeitet auch heute intensiv weiter und stellt sich immer aufs Neue den Herausforderungen der Zeit.“

Die „Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“

Albert Schweitzers allgemeingültige „Ethik von der Ehrfurcht vor dem Leben“ geht wie eine Melodie durch das Buch. Die Berichte vermitteln einen sehr guten Einblick in das Leben und Wirken des Urwalddoktors. So berichtet Rhena Schweitzer-Miller (Schweiz/USA) wie sie in ihrem kleinen Labor zu dritt arbeiteten: „Wir konnten etliche bakteriologische Untersuchungen durchführen zur Entdeckung von Tuberkulose, Lepra, Gonorrhoe, und wir prüften auch die Rückenmarksflüssigkeit auf die Erreger von Syphilis und Schlafkrankheit. (...) Wir konnten jetzt Blutgruppen bestimmen und Bluttransfusionen geben. Dies wurde immer wichtiger wegen der Zunahme  von Unfällen, deren Opfer ins Spital gebracht wurden.“ Christiane Engel (Schweiz/USA), die Enkelin Schweitzers erinnert sich an die Lehrjahre als Jugendliche und als Medizinstudentin: „Zwischen 1958 und 1967 verbrachte ich meine jährlichen Schulferien – und später die Semesterferien meiner Universität – in Lambarene, lernend und arbeitend im Spital meines Grossvaters Albert Schweitzer. Die dort verbrachte Zeit war von unermesslicher Bedeutung für mich (...) Seine Idee der Ehrfurcht vor dem Leben spürte ich in meinem Innersten. Sie war überall gegenwärtig und überzeugend spürbar. In meiner kindlichen Welt bedeutete ‚Lambarene‘ das Paradies auf Erden, wo Menschen, Tiere und Pflanzen in Harmonie miteinander lebten und wo Leiden Erlösung fand.“ Jo Munz-Boddingius (Holland/Schweiz) erinnert sich gern an Rhena, „der Tochter von Albert Schweitzer. Sie kam für sechs Monate und arbeitete im Labor. Rhena ging in offenen hölzernen Sandalen und trug ein kleines blaues Hütchen. Es war, als ob ein frischer Wind durch das Spital blase, und ich bewunderte ihre Art, wie sie mit allen Krankenschwestern umging, mit jungen und älteren...“ Mit Dankbarkeit berichtet Margrit Stark-Bernhard (Schweiz) von ihrer Tätigkeit in der ‚Lingère‘, wo Waschfrauen, Büglerinnen, Schneider und Matratzenmacher zusammenarbeiteten: „Mit meinen 21 Jahren war ich eigentlich noch zu jung für diese grosse Aufgabe. Am Anfang hatte ich in Lambarene ein Zimmer neben der Hebamme Joan Boddingius – heute Jo Munz. Sie half mir, mich einzugewöhnen. Ihre uneigennützige Freundschaft werde ich nie vergessen.“ Daniel Lourdelle (Frankreich/Kanada) gibt in seinem Bericht Einblick, wie er mit Albert Schweitzer immer bessere Häuser aus Beton, vom Sand und Steinen des Ogoweflusses baute: „Mit der Zeit waren über 70 Gebäude entstanden – ohne Lepradorf mitzuzählen...“ Poul Erik Rasmussen (Dänemark/Kanada) erinnert sich im Bericht „Als Zimmermann bei Albert Schweitzer“ an das Glockengeläut zu Beginn und am Ende des Arbeitstages. Beeindruckend ist auch der Bericht der Hausbeamtin im Spital, die dort auch ihren Verlobten fand: „Als kleines Mädchen hörte ich schon von Albert Schweitzer, durch meine Eltern und die Lehrerin der Schule. Er beeindruckte mich. Wir sparten unser Taschengeld für die Lambarene-Büchse auf dem Pult der Lehrerin, und wir strickten weisse Baumwoll-Binden. Ich nahm mir vor, später in Lambarene zu helfen.“ Nach ihrer Ausbildung an der Hausbeamtinnenschule in St. Gallen war sie dann tatsächlich seit 1962 mit grosser Befriedigung in Lambarene tätig und erzählt auch vom wunderschönen Musizieren mit dem Grand Docteur und der Mitarbeit bei der Korrespondenz: „Die Zeit in Afrika wurde wohl die wichtigste meines Lebens.“ Mit einem Bezug auf Schweitzers Buch von 1921 „Zwischen Wasser und Urwald“ wird auf die Schrecken der Kolonialzeit Bezug genommen: „Was haben die Menschen draussen Gutes tun wollen oder nicht, sondern wir müssen es. Was wir an ihnen Gutes erweisen, ist nicht Wohltat, sondern Sühne. Dies ist das Fundament, auf dem sich Erwägungen aller ‚Liebeswerke‘ draussen erbauen müssen. Die Völker, die Kolonien besitzen, müssen  wissen, dass sie damit zugleich eine ungeheure humanitäre Verantwortung gegen die Bewohner derselben übernommen haben (...) wir müssen aus dem Schlafe erwachen und unsere Verantwortung sehen.“  Albert Schweitzer selber, wurde durch einen Aufruf der Evangelischen Pariser Mission 1904 auf Lambarene aufmerksam. Das Krankheitselend der Schwarzen im ‚Congo‘, der damaligen französischen Kongo-Kolonie, bewogen ihn ab 1913 seine Hilfsarbeit dort zu beginnen, die sein Leben lang dauern sollte. Zusammen mit seiner engagierten Ehefrau Helen Schweitzer-Bresslau, die einen bedeutenden Einfluss auf das Denken und Handeln ihres Mannes hatte, bauten sie gemeinsam das Urwaldspital auf.

„Friede oder Atomkrieg“

Bei der Lektüre des Buches öffnen sich viele Bezüge zu den gegenwärtigen Kriegsverbrechen und sozialen Ungerechtigkeiten. Ein besonders aktuelles Kapitel ist der Friedenstätigkeit Albert Schweitzers gewidmet. In seinem ganzen Wirken steht dies im Zentrum. Bekannt wurde sein Einsatz in den 50er und 60er gegen den Kriegswahnsinn, gegen Atomwaffen und Aufrüstung. Seine Briefe an Kennedy und Chruschtschow und deren zum Teil bis heute nie veröffentlichten Antworten sind hier wiedergegeben: „Wir sind in den beiden Weltkriegen in Unmenschlichkeit versunken und nehmen uns vor, in einen kommenden Atomkrieg noch tiefer darin zu versinken“. Ein Bruchteil der heutigen milliardenschweren Rüstungsausgaben würden ausreichen, um überall auf der Welt viele „Lambarenes“ zu schaffen, Armut und Not zu überwinden. Jo und Walter Munz erinnern sich: „Eindrücklich war der Besuch von Clara Urquhart aus Südafrika und England. Sie hat sich gemeinsam mit Bertrand Russel, Albert Einstein und Albert Schweitzer gegen die Atomwaffen eingesetzt.“ Auch dafür ist der grosse Humanist und Urwalddoktor uns heute ein Vorbild. Im letzten Teil des Buches werden die gegenwärtigen Aufgaben und Probleme für die Weiterführung des Urwaldspitals behandelt.

„Jede Generation muss ihre Aufgaben selber lösen“

Für Schule und Elternhaus stellt sich die dringend nötige Besinnung auf eine nachhaltige Friedenserziehung. Die Schulreformen und die Erziehungsdiskussion sollten auf die inhaltlichen Anliegen der Ehrfurcht vor dem Leben gerichtet werden. Nur dadurch wird eine verlässlichen Grundlage für die Schaffung von Frieden und Gerechtigkeit möglich. Vom kleinen Kind bis hinauf zum Lehrling oder Studenten kann diese Ethik im Lebensalltag in der mitmenschlichen Beziehung gelegt werden. Die Frage nach dem Sinn von Schulbildung, Schulerfolg, beruflicher Karriere oder Reichtum muss wieder auf den Dienst am Mitmenschen, das Mitgefühl mit den Armen, die Schaffung von Frieden und auf konstruktives Mitwirken am Gemeinwohl im engeren und weiteren Umfeld auf dieser Welt gerichtet werden. Dazu verhilft die Lektüre aller greifbaren Bücher von Albert Schweitzer und auch vergriffene Bücher wie das von Walter Munz „Albert Schweitzer im Gedächtnis der Afrikaner und in meiner Erinnerung“ aus der Reihe der Albert-Schweitzer Studien. Der Hoffnung von Jo und Walter Munz  ist beizupflichten: „Wir hoffen, dass die Ehrfurcht vor dem Leben, welche Albert Schweitzer in Lambarene fand und lebte, weit über die Grenzen von Gabun und von Afrika hinaus viele Menschen erreiche und bewege. (...) Sie setzt uns in eine lebendige Beziehung zu aller Kreatur, und sie hilft uns Menschen auf der Suche nach dem Frieden.“ Dem ganzen Wirken von Albert Schweitzer und seinen Nachfolgern ist eine grosse Ausstrahlung zu wünschen.

Weitere Informationen finden Sie unter

http://www.schweitzer.org

Erzieherisch wertvolle Inhalte vermitteln

Zur Wanderausstellung «75 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk – 50 Jahre SJW-Stiftung» in der Zentralbibliothek Zürich

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Bis zum 15. Januar 2007 kann die Wanderausstellung «75 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk – 50 Jahre SJW-Stiftung» am idealen Ort in den würdevollen Räumen der Zentralbibliothek Zürich besucht werden. Dort werden seit 1972 die Originalillustrationen der traditionsreichen SJW-Hefte aufbewahrt. Zum 75-Jahre-Jubiläum des SJW-Verlags und zum 50-Jahre-Jubiläum der SJW-Stiftung wird diese wertvolle pädagogische Bildungs- und Verlagsarbeit gewürdigt. Zahlreiche, längst vergriffene Originalhefte, von namhaften Autoren verfasst und von bekannten Künstlern illustriert, sind an der Ausstellung zu bewundern.
 
Gegen 50 Millionen SJW-Hefte, mit Auflagen bis zu 500 000 Exemplaren, in den vier Landes­sprachen der Schweiz erreichten das junge Publikum. Viele Erwachsene erinnern sich heute noch gerne an diese ersten aufbauenden Leseerlebnisse als Jugendliche. Verantwortungsbewusste Pädagogen und Erziehungsbehörden schufen vor 75 Jahren eine Stiftung und ein Jugendschriftenwerk, welches die Jugend vor der aufkommenden damaligen «Schmutz- und Schundliteratur» schützen sollte. Anspruchsvolle, unterhaltsame und preisgünstige Literatur mit Vorbildwirkung sollte in Schule und Elternhaus Verbreitung finden und die Jugendlichen für das konstruktive Zusammenleben vorbereiten. Anschliessend wandert die Ausstellung ins Gutenbergmuseum nach Fribourg, dann in die Zentral- und Hochschulbiliothek Luzern und schliesslich an die Solothurner Literaturtage. Zum Jubiläum ist eine reichillustrierte Publikation «Ein geistiges Rütli für die Schweizer Jugend» zur Geschichte des Jugendschriftenwerks von Charles Linsmayer erschienen. Die Ausstellung und der Katalog geben auch einen guten Einblick in eine interessante Epoche der schweizerischen Kulturgeschichte. Das Heranführen der jungen Generation an pädagogisch gute Jugendliteratur, gute Filme und an das Mitleben mit den Freuden und Leiden in der eigenen und fremden Welt wird gerade heute für alle Erzieher, für Schule, Elternhaus und Gesellschaft zu einer wichtigen Aufgabe und zu einem dringend nötigen Beitrag einer nachhaltigen Friedenserziehung.

Kampf gegen Schundliteratur

Der konkrete Anlass für den Aufbau des Jugendschriftenwerks war ein alarmierender Vorfall 1928 im Zürcher Riedtli-Schulhaus. Dort ist «die Idee zu einem schweizerischen Jugendschriftenwerk im Kreis von Lehrern entstanden, die der Gefährdung der Jugendlichen durch die sogenannte ‹Schund- und Schmutzliteratur› entgegentreten wollten». Die an Kiosken vertriebenen und unter Schülern herumgebotenen Schundheftchen wie «Der geheimnisvolle Rächer» von Frank Allan oder «Die Todeszelle» von John Kling und Titel wie «Der Vampir von Amsterdam», die «Mädchenfalle am Hudson» oder «Das Frauenhaus in Kairo» fanden immer mehr Verbreitung, ebenso sollte dem Handel unter der Schülerschaft ein Riegel geschoben werden.
Lehrer Fritz Brunner erinnerte sich 1981 in einem Rückblick anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Schweizerischen Jugendschriftenwerks: «Hunderte von Schundheftchen stapelten sich […] im Hausvorstandszimmer, alle aus den ‹Schundhöllen› des Niederdorfes und der Langstrasse. Die modischen Pluderhosen der Buben waren gute Verstecke.» Auch die «Neue Zürcher Zeitung» berichtete am 29. Juli 1928 über die «wuchernde Schundliteratur», denn es wurden zweihundert bis tausend Hefte pro Klasse konfisziert. Die Untersuchungen ergaben auch, dass ein Schüler «auf Anhieb 48 Titel aus dem Gedächtnis niederschreiben konnte». Der Bericht in der «Neuen Zürcher Zeitung» erregte grösstes Aufsehen und die Konferenz der Zürcher Schulbibliothekare erweiterte die Untersuchungen auf alle Oberstufenlehrer der Stadt Zürich mit ihren 3250 Schülern. Der «Schweizerische Bund gegen unsittliche Literatur» berief eine Konferenz ein. Dort wurde die Gründung einer «Arbeitsgemeinschaft zum Schutze der Jugend vor Schund und Schmutz in Wort und Bild» beschlossen, und im November 1928 fand die Gründungsversammlung der ASJS statt, wo Fritz Brunner, Aktuar der neuen Vereinigung, die Ergebnisse der «Erhebungen über die Verbreitung der Schundliteratur in den Schulen der Stadt Zürich» vorstellen konnte. Auch wenn gewisse Formulierungen und Ergebnisse aus heutiger Sicht fremd klingen und auch situations- und zeitbedingte «Überreaktionen» vorkamen, führte die Diskussion zur wertvollen Gründung des Schweizerischen Jugendschriftenwerks (SJW) 1931.
Interessant ist, dass unabhängig davon bereits Ende des 19. Jahrhunderts verschiedene ähnliche Bestrebungen im Gang waren. So wurde 1898 in Basel die Organisation «Gute Schriften» nach dem Vorbild des Weimarer «Vereins zur Massenverbreitung guter Schriften» gegründet. Das Ziel war, die Ausbreitung schlechter Literatur zu bekämpfen und «gute Literatur in noch grösserem Mass zu verbreiten.»
Auch die schon ab 1872 an Weihnachten erscheinenden illustrierten Jugendschriften aus dem Orell Füssli Verlag und anderen vorbildlichen Initiativen bestanden. Neben dem 1922 vom Zürcher Sekundarlehrer Walter Hintermann gegründeten Schriftenwerk «Schweizer Jugendschriften» wurde auch die Literaturszene der Schweiz aktiv: «So hatte der Schweizerische Buchhändler-Verband am 6. Februar 1931 in Zürich eine Konferenz durchgeführt, zu der auch Vertreter der Autoren, Künstler und Tonkünstler eingeladen waren.» Anlass war ein Beschluss der ständerätlichen Kommission für eine Neufassung des Paragrafen 179 des Strafgesetzbuches. Darin sollte zukünftig mit Gefängnis oder Busse bestraft werden, «wer Schriften oder Bilder, von denen eine schädliche Wirkung auf die sittliche, geistige oder gesundheitliche Entwicklung oder eine Überreizung der Phantasie der Kinder und Jugendlichen ausgeht, ausstellt, anbietet, verkauft oder ausleiht.»
Die Versammlung einigte sich unter Leitung von Karl Naef, Sekretär des Schweizerischen Schriftsteller-Vereins SSV, auf eine Resolution, die zum Ausdruck brachte, dass der bestehende Gesetzesartikel 179 «des nationalrätlichen Entwurfs zum eidg. Strafgesetzbuch zur Bekämpfung der unzüchtigen Literatur und Kunst genügen» würde. Der Kampf gegen «Schund und Schmutz» solle durch erzieherische und kulturelle Anstrengungen geführt werden. Neben den notwendigen und nützlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen war dies genau das, was die Lehrerschaft an der konstituierenden Versammlung des Vereins in Olten am 1. Juli 1931 beabsichtigten. Lehrerschaft und Autoren nahmen Einsitz im Vorstand der neugegründeten Organisation und beschlossen die Gründung eines «Vereins zur Herausgabe von billigen Jugendschriften, die den Schundheften äusserlich gleichen, aber erzieherisch wertvolle Inhalte vermitteln sollten.»
1932 erschienen die ersten 12 Hefte, und regelmässig, ausser in den Kriegszeiten, erschienen die beliebten SJW-Hefte. Einige Publikationen standen im Dienst der geistigen Landesverteidigung, und das Jubiläumsheft «650 Jahre Eidgenossenschaft» wurde 1941 an 614 900 Schulkinder verschenkt. Auch die Ausweitung in alle Landessprachen der Schweiz, insbesondere die verschiedenen rätoromanischen Sprachtraditionen, wurden gefördert. Die Schweizerische Stiftung für Kinder und Jugendliche «Pro Juventute», die 2012 ihr 100-Jahr-Jubiläum feiern wird, beteiligte sich seit Beginn an der Herausgabe der SJW-Hefte.

Berichten «von nützlichen Dingen und guten Dingen»

Die Lektüre eines der früheren SJW-Hefte über das Wirken von Albert Schweitzer, Henry Dunant und das Rote Kreuz, des Nordpolforschers Fridtjof Nansen oder Meinrad Inglins «Schwarzer Tanner» fesseln bis heute und sprechen beim Leser Mitmenschlichkeit und Mitgefühl mit den Freuden und Leiden in der Welt an. Fast vergessene Persönlichkeiten wie der Pädagoge Hans Zullinger oder Fritz Wartenweiler, aber auch engagierte Lehrer und Lehrerinnen und initiative Gründer der SJW-Stiftung und des SJW-Verlages und zahlreiche Schriftsteller aus den vier schweizerischen Sprachregionen und Kulturen und fast vergessene Künstler, die Umschlag und Illustrationen der individuell gestalteten Hefte besorgten, leben in der Ausstellung, im Katalog und in den Gedanken wieder auf.
Es war eine grosse Freude, als man in der Schule vom Lehrer ein SJW-Heft bekam oder man sich Geld zum Kauf einiger Hefte ersparte. Für Kinder und Jugendliche wurden darin positive Vorbilder und Problemlösungen mit guten Geschichten und Bildern als wichtige Beiträge zur Persönlichkeitsbildung und zum Sinn im Leben aufgezeigt. Anita Siegfried, heute eine der erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen, erinnert sich als «Schlüsselkind mit einer arbeitenden Mutter» besonders gern an das SJW-Heft Nr. 18, «Pfahlbauer vom Moossee», von Hans Zullinger, das ihr «familiäre Geborgenheit» bot, welche sie zu Hause vermisste: «Wie tausend andere Kinder meiner Generation habe ich das Heft verschlungen und war neidisch auf Ra, auf Klein-Hatta und die andern Kinder, deren Väter Ate, Hatt und Serr, alle von kräftigem Wuchs, zur Jagd gingen und fischten, derweil die Mütter, Frau Ate, Frau Hatt und Frau Serr, in Tüchern aus Flachs und Hanf, kochten und nähten und woben, dass es eine Art hatte. Vielleicht war das mit ein Grund, weshalb ich später Archäologin geworden bin.»
Auch der Tessiner Giovanni Orelli schildert heute seine Begegnung als Bauernbube mit den «Editioni Svizzere per la Gioventu» mit grosser Dankbarkeit: «Plinio Martini, Angelo Casè, Giovanni Bianconi, Bixio Candolfi und andere schreiben mit einfachen Worten und Intelligenz von nützlichen Dingen und guten Dingen, mit Respekt vor Leuten und Natur und der schweren Arbeit der Menschen.»
Mit einer «klaren Front gegen den Nationalsozialismus» wurde die Jugend vor dem Faschismus geschützt und die Kriegsjahre überstanden. Im 4. SJW-Jahresbericht 1936 schrieb Albert Fischli: «Durch den Wandel der Dinge im Laufe der letzten Jahre hat unser Werk eine Bedeutung erlangt, die wir bei der Gründung noch gar nicht ahnen konnten. Unsere Jugend muss heute dringender denn je vor den Einflüssen geschützt werden, die sich mit den geistigen Grundlagen unseres Landes einfach nicht vertragen. Wir als Angehörige von drei Nationen, die sich in freiwilligem Zusammenschluss um das weisse Kreuz im roten Feld geschart haben, lehnen entschieden alle Lehren ab, die einer dieser Nationen einen höheren Rang und ein kulturelles Übergewicht über andere zuerkennen wollen. Wir wollen nichts wissen von Rassenhass und Führervergottung; wir begehren nichts Besseres, als einträchtig und brüderlich beieinander zu wohnen.» Nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges setzten die vorbildliche «Schweizerspende», die privaten, kirchlichen und humanitären Hilfswerke ein, und auch einige SJW-Hefte widmeten sich humanitären Themen, so 1935 das Heft 49, «Der Urwalddoktor – Albert Schweitzer», von Fritz Wartenweiler. Auch die Geschichte des «Roten Kreuzes» wurde in verschiedenen Auflagen und Aufmachungen immer wieder aufgelegt.

Rückbesinnung auf die ursprünglichen Anliegen

Die Zukunft des SJW-Jugendschriftenwerks wurde durch vielfältige Einflüsse durch den postmodernen Zeitgeist der Beliebigkeit, durch eine «Amerikanisierung» und Kommerzialisierung der Kultur, durch Schulreformen und den starken Einfluss neuer Medien und Unterhaltungstechnologien stark belastet. Die Thematik einer verantwortungsbewussten Lese- und Medienerziehung ist aber gerade heute äusserst aktuell. Es ist deshalb wenig sinnvoll, sich aus heutiger Warte gegen die «moralisierende» Haltung der damaligen Erziehungsverantwortlichen zu wenden, wie dies teilweise im Text der Jubiläumsbroschüre durchklingt. Gerade heutige Kinder und Jugendliche werden mit unüberschaubaren und teilweise schlimmen, brutalen, perversen, furchtbaren und menschenverachtenden Computerspielen, Bildern und Texten, beliebigem Internet- und Handykonsum überflutet und in ihrer Entwicklung ungünstig beeinflusst. Ziehen wir auch heute die richtigen Lehren daraus, wie beispielsweise das in den 90er Jahren von allen politischen Kreisen geforderte und mitgetragene «Brutalo-Verbot», welches in der Schweizerischen Bundesverfassung verankert wurde und die Jugend vor kommerzialisierten, grausamen Video-Gewaltfilmen schützen soll.
Vielleicht wäre es sinnvoll, heute vermehrt wieder über die ethischen Ziele und Anliegen, die vor 75 Jahren zur Gründung des SJW führten, nachzudenken und den Dialog zu suchen. Bei Kindern und Jugendlichen eine grundlegende Ethik und die Fähigkeit zum sozialen Mitleben mit den Menschen und der Welt zu fördern ist eine notwendige und anspruchsvolle Aufgabe. Auch heute bestehen in der Schweiz und weltweit verschiedene vorbildliche humanitäre Initiativen und Entwicklungsprojekte (Deza und IKRK). Zeitzeugen und Betroffene, auch in den Ländern mit Krieg und Armut, sollten zu Wort und in direkten Kontakt mit Kindern und Jugendlichen kommen. Alle Bereiche der Friedenserziehung, der Dialog der Kulturen, die Menschenrechte, das Humanitäre Völkerrecht, Unicef und Unesco sind wichtige Themen der heutigen Allgemeinbildung für die Jugend. Wissenswertes über Tiere, Natur, Ökologie und Nachhaltigkeit interessiert Jugendliche und Kinder. Auch heute werden wertvolle Erfindungen und Entwicklungen zum Wohl der Menschen gemacht, die mehr Aufmerksamkeit verdienen.
Vielleicht würde das zu einer Renaissance der SJW-Hefte beitragen. Der Besuch der Ausstellung und die Beschäftigung mit der Thematik kann nur empfohlen werden.

Weitere Informationen: www.sjw.ch

The Family of Man


«Wir sind alle gleich, wir sind eine Menschheitsfamilie»

Zur Edward-Steichen-Ausstellung und «The Family of Man» in Lausanne – anlässlich 60 Jahre «Allgemeine Erklärung der Menschenrechte»

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Schweiz

Noch bis zum 24. März 2008 kann im Fotomuseum Lausanne eine einzigartige Fotoausstellung des weltberühmten Fotografen Edward Steichen (1879–1973), dem Schöpfer der legendären Fotoausstellung «The Family of Man», besucht werden. 2008 ist auch das 60-Jahr-Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Uno) und fügt sich gut in dieses Thema ein. Zur Ausstellung ist ein prachtvolles Katalogbuch erschienen. Die Ausstellung «Edward Steichen – Ein Leben für die Fotografie» wurde vom Musée de l’Elysée und von der «Fondation for the Exhibition of Photography Minneapolis» unter der Leitung von William A. Ewing, Todd Brandow und Nathalie Herschhofer realisiert und wird anschliessend in Italien, Spanien, Deutschland, Kanada und in Amerika gezeigt.

Die Menschheit – eine Familie

Alle Aufnahmen Steichens geben Einblicke in seine mitmenschliche Haltung, und auch in seinen Kriegsreportagen wird seine Solidarität mit den Betroffenen deutlich. Besonders verdienstvoll ist die Realisierung einer virtuellen Rekonstruktion der Ausstellung «The Family of Man», welche in die Ausstellung integriert wurde. Sie wurde realisiert von Studentinnen und Studenten der «Sciences Humaines et Sociales» an der «Ecole Polytechnique Fédérale de Laussanne» unter Leitung von Olivier Lugon. Die weltumspannende Fotoausstellung von 1955 «The Family of Man» steht in einem Zusammenhang mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der Uno. Edward Steichen wollte mit Fotografien in einer allgemeinverständlichen Bildsprache und ohne Texte die Botschaft der Menschenrechte in aller Welt verbreiten.

60 Jahre Menschenrechtserklärung

Gerade in diesem Jahr, dem 60. Jubiläumsjahr der Erklärung der Menschenrechte (1948) und in Zeiten zahlreicher völkerrechtswidriger Kriege, erhält das Anliegen von Steichen besondere Bedeutung. Aus der Präambel sollen hier einige Grundsätze wiedergegeben werden: «Da die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräusserlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet, da Verkennung und Missachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei führten, die das Gewissen der Menschheit tief verletzt haben, und da die Schaffung einer Welt, in der den Menschen, frei von Furcht und Not, Rede- und Glaubensfreiheit zuteil wird, als das höchste Bestreben der Menschheit verkündet worden ist […], verkündet die Generalversammlung die vorliegende Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal …» Im weiteren wird betont, sich zu bemühen, «durch Unterricht und Erziehung die Achtung dieser Rechte und Freiheiten zu fördern». Auch der 1. Artikel soll hier wiedergegeben werden, der das Menschenbild und die Ethik zusammenfasst und auch als Leitmotiv von «Family of Man» gelten kann: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.»

«Ich bin da, ich gehöre zu euch, ich bin Teil eurer Familie»

Im Zusammenhang mit den Menschenrechten und Edward Steichens «Family of Man» soll hier eine bedeutende Kindheitserinnerung Steichens wiedergegeben werden. Sie hat bis heute für alle Menschen und Erzieher entscheidende Bedeutung: Eines Tages, als seine Mutter beim Bedienen einer Kundin war, kam ihr kleiner Sohn Edward nach dem Spielen von der Strasse nach Hause. Im Moment, als er durch die Türe eintrat, wendete er sich unvermittelt um und rief einem Kind, welches draussen auf der Strasse war, «schmutziger kleiner Jude» zu. Frau Steichen hörte dies und entschuldigte sich sofort bei ihrem Kunden und schloss das Geschäft, um mit ihrem kleinen Sohn zu sprechen. Sie erklärte ihm deutlich, dass solche Schimpfwörter wie «Youpin» Fluchwörter sind, um jemandem zu sagen, er sei minderwertig, und dass damit auch ganze Gruppen von Menschen missachtet würden. Sie sagte ihm, dass das eine furchtbare Sache sei, so zu sprechen und Menschen zu beleidigen. Sie erklärte ihm, dass alle Menschen von Grund auf gleich sind und dass sie alle ein Recht auf Respekt hätten. Sie verlangte von ihrem kleinen Sohn, dass er niemals mehr solche Schimpfwörter gebrauchen dürfe und niemals mehr Menschen anderer Religionen, Rassen und Nationalitäten minderwertiger als seine eigene betrachten darf. Edward Steichen erzählte dieses Schlüsselerlebnis bei vielen Gelegenheiten, auch im Film von Claude Waringo, und erinnert sich, dass diese Lektion seiner Mutter ihm mit Leidenschaft erteilt wurde und er sie immer behalten habe, was schliesslich zur Ausstellung «The Family of Man» führte.

The «Family of Man»

Steichens Anliegen dabei war es, dass die Fotografien «dem Menschen den Menschen erklären und ihm zur Selbsterkenntnis verhelfen» sollen. So suchte er auf der ganzen Welt aus Tausenden Fotografien 503 Aufnahmen von 273 Fotografen aus 68 Ländern aus, die er zu den wichtigen Themen des menschlichen Lebens gestaltete. «Fast drei Jahre lang», schreibt Steichen, «haben wir nach diesen Bildern gesucht. Über zwei Millionen Fotos sind von allen Enden der Erde zu uns gekommen. […] Die Ausstellung ‹Family of Man› wurde erschaffen in einem leidenschaftlichen Ethos, im Glauben an Liebe und Vertrauen zum Menschen, […] als Spiegel der universellen Elemente – und Gefühlen des menschlichen Alltagslebens – als Spiegel der grundlegenden Gemeinsamkeiten aller Menschen auf der Welt.» Bei der Eröffnung 1955 war Steichen schon 76 Jahre alt und während 1947–1962 Direktor der Fotografieabteilung des Museum of Modern Art in New York. Die Wanderausstellung «The Family of Man» wurde von 9 Millionen Menschen in 69 Ländern besucht. Der wunderschöne Katalog ist in einem Neudruck erhältlich und erreichte eine Auflage von über 5 Millionen Exemplaren.

Einblicke in die Fotografiegeschichte

Grosse Bedeutung hatten für Steichen die Schrecken der beiden Weltkriege und der Abwurf von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki 1945. Obwohl er als leitender Fotograf im Militärdienst viele Flugaufnahmen machte, leistete er mit verschiedenen dokumentarischen Ausstellungen über den Krieg Aufklärungsarbeit. Seine Überzeugung wuchs in ihm, dass Fotografie dem Menschen und der Wahrheit dient und immer der Menschenwürde verpflichtet ist. Die grosse Wirkung von guten Fotografien, welche das Mitgefühl und die Verbundenheit aller Menschen wecken kann, setzte Edward Steichen bei «The Family of Man» und vielen anderen Ausstellungen um. Dank seiner zutiefst human gesinnten Persönlichkeit und seiner Fachkompetenz wurde es sein Anliegen, die Menschheit in ihrer Menschenwürde über alle Kulturen, Religionen und Unterschiede hinweg als «eine Familie» zu zeigen. Steichen und vielen Fotografen ist es immer wieder gelungen, mit ihren Aufnahmen mitmenschliche Anteilnahme und Verbundenheit unter den Menschen zu fördern. Besonders nach den unvorstellbaren Schrecken zweier Weltkriege trugen engagierte Fotografen mit ihrem Werk zur Verständigung unter den Menschen verschiedenster Kulturen, Religionen und Nationen bei.

Auskunft zur Ausstellung in Lausanne:
Tel. +41 21 316 99 11, www.elysee.ch
Die Fotoausstellung «The Family of Man» ist im Schloss von Clervaux in Luxemburg zu besichtigen.

Vorbildliche Solidarität mit den Opfern von Tschernobyl

Zu einer eindrücklichen Publikation und Kunstausstellung

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Es ist eine grosse Freude, wenn sich Künstler mit ihren Werken gegen Unrecht und für das Wohl der Menschen in aller Welt einsetzen. Besonders nötig haben diese Solidarität die geschädigten und kranken Kinder und Familien in Tschernobyl, 20 Jahre nach dem entsetzlichen Atomreaktorunfall. Sie alle sind immer noch weitgehend im Stich gelassen von der dringend nötigen medizinischen, materiellen und menschlichen Hilfe. Internationale Kongresse und Berichte in den Medien haben zu Recht die Aufmerksamkeit auf diese von Macht- und Finanzinteressen, Lügen und Beschwichtigungsmanöver überschattete Katastrophe gerichtet. Tatsache ist, dass unzählige Menschen tödliche Strahlenschäden und heimtückische Krankheiten mit Langzeitwirkungen erlitten haben sowie ganze Landstriche auf Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte verseucht und für die lebensnotwendige Landwirtschaft unbrauchbar wurde. Die wenigen Gelder werden nicht in die dringend nötige Krankheitsfürsorge und den Aufbau von Spitälern, Schulen und Infrastruktur gelenkt, sondern für propagandistische Zwecke und sinnlose Projekte missbraucht, immense Summen werden jedoch in das Atomreaktorgeschäft investiert. Jedermann weiss heute, dass neben den Gefahren der Atomreaktoren wie in Tschernobyl, auch die Problematik mit den sog. Abfällen und «Endlagerung» ungelöst ist und diese radioaktiven Substanzen zusätzlich noch als uranabgereicherte Munition verbrecherisch für die Kriegsindustrie benutzt und auch finanziell ausgebeutet werden. Dieses nukleare Desaster beinhaltet ein unvorstellbares Verbrechen an der Menschheit und kann nur in internationaler Kooperation endgültig beendet werden. In vorbildlicher Weise finden sich in aller Welt Menschen und Gruppen die dieses Ziel verfolgen und auch den betroffenen Opfern Hilfe zukommen lassen.

Bilder und Initiativen gegen den Atomwahnsinn

Zusammen mit sozial engagierte Mediziner und Wissenschaftler haben sich auch einige Kunstmaler und über 120 Gruppen in Italien zusammengefunden und sofort die Hilfe für Tschernobyl aufgebaut. So setzt sich die italienische Initiative «Legambiente Solidarietà» mit ambulanter mobiler medizinischer Hilfe, mit nicht kontaminierter Nahrung, Früchtelieferungen und Vitaminen vor Ort für die kranken Kinder und Erwachsenen in Tschernobyl ein. Am 26. April wird auch eine Manifestation «20 Jahre nach Tschernobyl» in Italien stattfinden. Auch die Organisation «Help» beteiligt sich an den Hilfsaktionen. Mit der Ausstellung und dem Katalog «The paintings that enjoy our confidence», der in drei Sprachen (Russisch, Italienisch und Englisch) abgefasst wird Einblick in diese Arbeit gegeben. Zusammen mit «Legambiente» setzte sich der Künstler Paolo Cimoni, 1945 in der Toskana geboren, als Maler mit dem Elend der Betroffenen auseinander und malte eindrückliche Bilder. Er besuchte mehrfach die betroffene Republik Belarus. Diese eindrückliche Solidarität von Cimoni führte zur Verbindung mit seinen russischen Malerkollegen. In den Werken wird der anteilnehmende und mitleidende Geist des «guten Samariters» spürbar. Cimoni stellt die zerstörten Häuser und das Elend der dortigen Minenarbeiter dar.
So zeigen die Werke von Mikhail A. Savickij, (1922) aus der Republik Belarus, realistisch und teilweise mit religiöser Symbolik  eindrucksvoll diese mitmenschliche Anteilnahme. Auch Viktor S. Smatov (1936), Maler und Kunstkritiker aus der Republik Belarus gestaltet einfühlsame Bilder mit fotografischer Exaktheit, die Armut und das trostlose Leben der Menschen in der ausgestorbene, zerstörten ländlichen Umgebung von Tschernobyl. Der Maler stellt die einzelnen Menschen mit unerschütterlichem Würdegefühl und Hoffnung dar. Die Bilder tragen beim Betrachter zur Entwicklung von Mitgefühl und Anteilnahme bei.
Auch die 1933 geborene bekannte Künstlerin Ninel I. Scastnaja (1933) aus der Republik Belarus zeigt mit einer eindrücklichen Symbolik den Schmerz und die Hoffnung der gepeinigten Menschen.
Victor K. Barabancev, 1947 in Gomel geboren zeigt Darstellungen des Bauernlebens, religiös inspirierte Themen und eine aktualisierte «Madonna von Tschernobyl», wobei Mutter und Kind mit Atomschutzmasken abgebildet wurden.
Diese Thematik wird auch in eindrücklichen, modern und figurativen Bildern von Vladimir V. Kozuch (1953) aufgegriffen.
Alle diese Werke führen uns eine kaum zu ermessende Tragödie vor Augen und erinnern uns an die Verpflichtung, menschliches Leid zu lindern und neues Leid zu verhindern. Ebenso kann diese beispielhafte Künstlersolidarität auch als Anregung für wertvolle und nachhaltige Hilfsprojekte in Schulen und Gemeinden nutzbar gemacht werden.

Text verfasst 2006, Auskünfte über «Legambiente» sind unter www.legambienteonline.it möglich.

Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit

Zur eindrücklichen Bürgerinitiative und Wanderausstellung „Lebensspuren“ vom „Deutschen Tagebucharchiv Emmendingen“ in Deutschland

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen/TG


Nach der gut besuchten Ausstellung im Gewölbekeller im Kulturzentrum am Münster in Konstanz ist die sehenswerte Kabinett-Ausstellung „Lebensspuren“ nun in Karlsruhe vom 10. Mai bis 10. August  2008 und anschliessend an einigen anderen Orten in Süddeutschland zu sehen. Es  sind verschiedenartige und sehr persönlichen Tagebücher von alltäglichen und aussergewöhnlichen Lebensgeschichten zu sehen. Die Ausstellung und der Katalog mit CD wurde vom Deutschen Tagebucharchiv Emmendingen (Baden-Württemberg) gestaltet. Das Tagebucharchiv wurde als Bürgerinitiative 1998 ins Leben gerufen. Heute leisten mehr als 80 ehrenamtliche Miterbeiter mit grosser Sachkenntnis und Engagement die Archivarbeit für die bisher 1500 eingegangenen autobiografischen Texte.

 „Individuelle Weltausschnitte von Unglück und Glück“

Zur Eröffnung der Ausstellung in Konstanz trug der ehemalige Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach Prof. Dr. Ulrich Ott eine wertvolle Einführung in die Thematik des Tagebuchs seit der Antike bei. So bezeichnete er beispielsweise den Pietismus als die einschneidenste Epoche für das Tagebuch, auch für das Lesen und Schreiben der einfachen Leute. „Denken Sie nur an Ulrich Bräker, den armen Mann im Toggenburg, bei dem sich Pietismus und Aufklärung begegnet sind. Er nimmt sich täglich nach der Bauernarbeit Zeit zum Schreiben, Zeit fürs Tagebuch, heftig kritisieret oder besser geschimpft von seiner Frau, die das für verschenkte Zeit und für verschenktes Geld hält, könnte er doch, so  hält sie ihm vor, feierabends auch Schwefelhölzchen herzustellen in Heimarbeit und so ein paar Rappen dazu verdienen.“ Der Referent wies auch auf den Unterschied zum Literaturarchiv in Marbach hin, wo Tagebücher aus Schriftstellernachlässen gesammelt werden. In Emmendingen werden Tagebücher aus der Bürgerschaft gesammelt: Tagebücher “sind individuelle Weltausschnitte von Unglück und Glück, Liebe und Verlassenheit, Geselligkeit und Einsamkeit, Verfehlung und Erfüllung, Scheitern und Gelingen, Leiden und Freuden.“ Zum Sinn des Tagebuchs bezog sich Prof. Ott auf Prof. Jürgen von Troschke: Viele Menschen halten Erlebnisse, Gefühle und Gedanken in Tagebüchern fest und das Aufschreiben hilft, Lebenserfahrungen zu verarbeiten. Das Tagebuch kann als Gesprächspartner erlebt werden und beim Lesen kann man sich an Vergangenes erinnern. Jedes Jahr erhält das Archiv hundert oder zweihundert Zusendungen zum Zweck der Archivierung. In fachlich geleiteten Lesegruppen werden alle Dokumente von den ehernamtliche Mitarbeitern gelesen und bestimmten Sachthemen zugeordnet. Das besinnliche Lesen ist für die Besucher im Tagebucharchiv und in der Wanderausstellung gewinnbringend. Gerade Schulklassen lesen mit Interesse die historischen Aufzeichnungen und erhalten einen anschaulichen geschichtlichen und lebenskundlichen Unterricht. Die ausgezeichnet gestaltete Ausstellung enthält fünf beispielhafte Tagebuchthemen: Jugendtagebuch 1938-87, Tagebuch einer Ausreise aus der DDR 1986-1989, Reisetagebuch im Juni 1837, Tagebuch einer politisch engagierten Frau in den 80erJahren und ein Kriegstagebuch aus Russland 1941.

Tagebücher als geschriebene Lebensspuren

Besonders bewegend ist das Brieftagebuch einer Frau an dem im Krieg vermissten Ehemann zwischen 1944 und 1948: „ Stuttgart soll gefallen sein. Doch wissen wir nichts bestimmtes, da wir seit 10 Tagen keinen elektrischen Strom mehr haben, somit auch kein Radio. (...) Wie sucht Dich meine Seele. Ob ich noch Liebe empfinden kann, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich mich unendlich nach Dir sehne. (...) Die zwei Kinder könnten so nötig Deine feste Vaterhand gebrauchen. Sie leiden beide darunter, keinen Vater zu haben. (...) Wenn es mit meiner Gesundheit nicht besser wird, muss ich den Betrieb aufgeben.“
Auch die Schilderungen eines Unteroffiziers der den Vormarsch einer deutschen Infanterie-Kompanie nach Russland und die Kämpfe um Kiew 1941 berühren und machen nachdenklich auch über die zahlreichen gegenwärtigen grausamen Kriege, Toten und Leidenden: „ Waldkämpfe. Wir erreichen die Höhe von Karjukowka. Hier liegen uns gegenüber russische Scharfschützen, die jeden einzelnen von uns abknallen. (...) Schneidende Kälte – minus 33 Grad. Unsere Winterausrüstung ist unzureichend. Unsere dunklen Uniformen heben sich vom hellen Schnee gut ab. Wir werden vom Russen als Ziel leicht ausgemacht. Das Öl und die Bremsflüssigkeit in unseren Waffen sind eingefroren und nicht zu benützen. (...) Wir sind alle vollkommen fertig.“ Die Tagebucheinträge sind sehr berührend und vermitteln eindrücklich die Schrecken der vergangenen und gegenwärtigen Kriege.
So ermöglichen Tagebücher Einblicke in fremde Lebenswelten, ermöglichen ein gefühlsmässiges Angerührt werden und können als zeitgeschichtliche Dokumente für die Forschung genutzt werden. Prof. Ott dazu: „Wem ein Blick in diese Bestände gewährt wird -  und viele Gruppen werden ständig durch das Archiv geführt – der kann nur staunen, welche Fülle von Individualität und Originalität einem da entgegentritt, so verschieden wie die Menschen selbst und die Umstände, in denen sie stehen: Krieg und Wohlstand: alles prägt sich im Stil und äusserer Form aus – Notpapiere, Morsestreifen mit Bild und Text, verblüffende künstlerische Gestaltung – die schönsten oder traurigsten Überraschungen treffen einen da.“
Die Idee eines Tagebucharchivs hatte der italienische Journalist Saverio Tutino, „der 1983 in dem Tiberstädtchen Pieve die Santo Stefano, einer im Krieg fast ganz zerstörten Gemeinde, das „Archivio Diaristico Nazionale“ gegründet und mit grossem Erfolg bekannt gemacht hat.“ Heute wird jährlich ein Preis für Tagebuchschreiben abgehalten“ berichtet Prof. Ott.  In Zusammenarbeit von Bürgerinitiativen, Professoren und Behörden wurden inzwischen in weiteren sechs europäischen Ländern diese vorbildliche Aufarbeitung der „Lebensspuren“ in Angriff genommen. Tagebuchaufzeichnungen regen an über den Sinn des Lebens nachzudenken, ist allen Zeitgenossen ans Herz zu legen und soll auch beitragen, endlich die grausamen Kriege zu beenden und für alle das Menschenrecht auf Frieden, Gerechtigkeit und  und Geborgenheit zu schaffen.

Die Ausstellung ist in Karlsruhe (10. Mai bis 10. August 2008), in Ebersbach an der Fils (8. Februar bis 29. März 2009), in Wackershofen/Schwäbisch Hall (April bis Juni 2009) und in Freiburg (August bis September 2009) Aktuelle Informationen zur Ausstellung: www.tagebucharchiv.de

Allen Kindern im Krieg gewidmet


60 Jahre Kinderdorf Pestalozzi in Trogen - ein Beispiel der humanitären Schweiz

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen

Die Schweiz leistet weltweit seit Jahrzehnten vorbildliche humanitäre Hilfe, mit ihrer Diplomatie, ihren guten Diensten, auch als Depositarstaat der Genfer Konventionen und wirkt so für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Sicherheit. Das IKRK, das Rote Kreuz oder das Wirken der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) sind vorbildliche Beispiele der humanitären Schweiz und machen ihre wertvollste Substanz aus. In dieser Tradition steht auch das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen. Es soll im folgenden in Erinnerung gerufen werden, um auch der jüngeren Generation diese Hilfswerke lebendig zu erhalten.

Vor 60 Jahren, am 28. April 1946, begannen die freiwilligen Helfer nach der Grundsteinlegung mit dem Bau der ersten Häuser im Kinderdorf Pestalozzi oberhalb von Trogen im Kanton Appenzell. Der Anlass war das Elend unzähliger Kriegskinder und Kriegswaisen, die in den Schrecken des Zweiten Weltkrieges die Eltern und ihr Zuhause verloren hatten.

Vorbildlicher Aufbau des Kinderdorfes

Initiant des Kinderdorfes war der Schriftsteller und Philosoph Walter Robert Corti (1910-1990). Er musste krankheitshalber sein Medizinstudium abbrechen, das Kriegselend beschäftigte ihn wie viele andere und in ihm wuchs der Wunsch, aktiv zu helfen. Er wollte ein Dorf für die leidenden Kriegskinder in der Schweiz aufbauen und konnte seine Idee in der bekannten Kulturmonatszeitschrift DU im August 1944 im Artikel «Ein Dorf für die leidenden Kinder» publizieren. Das Echo von Spendern und Helfern in der ganzen Schweiz war darauf so gross, dass schon bald mit dem Bau des Dorfes begonnen werden konnte. Bis in die 70er Jahre konnten 25 Häuser gebaut werden, die bis heute Kindern in Not aus aller Welt ein Zuhause geben. Vergangenes Jahr feierte das Kinderdorf seinen 60. Geburtstag, als Geschenk konnte das neue Besucherzentrum eröffnet werden. Es zeigt eine eindrückliche Reise durch Geschichte und Gegenwart des Kinderdorfes Pestalozzi und der vergangenen Kriege. Auf einer Schautafel sind alle Namen der Kriegs- und Flüchtlingskinder festgehalten, die seit Bestehen des Hilfswerkes in Trogen waren. Gerade in den gegenwärtigen völkerrechtswidrigen Kriegen sterben so viele Kinder wie noch nie, und im Jahre 2004 lebten 30 Millionen Kinder in Kriegsgebieten. Kindersoldaten werden im grausamen Kriegsgeschäft geopfert. Erschütternde Berichte und Bilder zeigen die durch Uranmunition geschädigten, missgebildeten und getöteten Kinder der heutigen Kriege.
Vor diesem aktuellen Hintergrund wird der Besuch des Dorfes und der informativen Ausstellung zu einem eindrücklichen Erlebnis und führt den Besucher in die dringendste Aufgabe der Gegenwart: den Stopp dieser wahnsinnigen Kriege.
Bei der jungen Generation muss diese vorbildliche Ethik des Mitfühlens und selbstlosen Helfens der Gründergeneration des Kinderdorfes geweckt und gefördert werden, denn nur auf dieser Basis hat das grossartige Werk eine Zukunft und kann die immense Not in der Welt gelindert werden.

Ein Dorf der Nächstenliebe

Neben den zahlreichen Mitarbeitern aus vielen Ländern haben auch bedeutende Pädagogen, Psychologen und Persönlichkeiten wie Elisabeth Rotten (1882-1964), Marie Meierhofer (1909-1998) und Hans Fischli (1909-1989) für das Kinderdorf gewirkt. Arthur Bill und seine Frau Berta leiteten das Dorf 25 Jahre von 1948 bis 1973 mit grossem Engagement. Das Buch von Arthur Bill «Helfer unterwegs – Geschichten eines Landschulmeisters, Kinderdorfleiters und Katastrophenhelfers» gibt einen guten Einblick in das Leben im Kinderdorf. So wurde beispielsweise in der jeweiligen Muttersprache der Kinder in der Unterstufe in den verschiednen Hausschulen unterrichtet. Die Kinder lebten in einer Hausfamilie mit Hausmutter und
-vater, in der auch ihre Kultur nicht zu kurz kam und sich alle wohlfühlen konnten. Eine gemeinsame internationale Oberstufe schloss sich daran an. Das gut durchdachte Konzept des Kinderdorfes ist bis heute aktuell geblieben.

Friedenserziehung – von der Kindergemeinschaft zur Völkergemeinschaft

Arthur Bill hält die beiden Hauptziele des Kinderdorfes fest: «Erstens: Es will dem verlassenen notleidenden Kind eine Heimstätte bieten, in der es in familienähnlicher Geborgenheit all das findet, was zu seiner harmonischen Entwicklung erforderlich ist. Zweitens: Es will ein Dorf sein, in dem sich Kinder, Jugendliche und Erzieher aus verschiedenen Ländern und Kulturen zu einer Nachbarschaft und zu gemeinsamem Tun finden können, das sie über alles Trennende der Sprache, des Glaubens und des Herkommens hinweg das Gemeinsame, das Allgemeinmenschliche als tragendes Bauelement der kleinen Völkergemeinschaft erleben lässt.» (Arthur Bill, 2002, S.142)
Das Kinderdorf Pestalozzi leistet mit verschiedenen Partnerorganisationen heute in aller Welt grossartige Aufbauarbeit in Entwicklungsländern, nach Naturkatastrophen oder bei Kriegen, fördert die interkulturelle Verständigung und die Friedenserziehung. So wurde 2005 anlässlich des «Internationalen Jahres des Sports» im Kinderdorf in Trogen die internationale Aktion und das Jugendcamp «Play for Peace» zusammen mit der DEZA und dem Sonderberater des Uno-Generalsekretärs für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden, Adolf Ogi, durchgeführt.

«Am schlimmsten geht es aber den Kindern»

Im folgenden sollen einige Ausschnitte aus der bewegenden Schrift des Initianten Walter Robert Corti «Der Weg zum Kinderdorf Pestalozzi» von 1955 dargelegt werden. Mit dem Satz «Was wäre ein Glaube nütze, der nichts wagen will?» von Romain Rolland leitet Walter Robert Corti den Artikel im DU-Heft ein und schreibt: «Der totale Krieg zieht die Hölle der kämpfenden Front über das ganze Land und das ganze Volk. Der moderne Machtwille bestimmt das ‹Feld der Ehre› neu: Nun fallen die todbringenden Bomben auch in die stillen Dörfer des Hinterlandes, in die steilen Wohnschächte wehrloser Städte. Kein Alter, kein Geschlecht bleibt verschont. Die stürzenden Trümmer erschlagen die müde Greisin wie den hoffnungsvollen Enkel. Der Mord vollzieht sich an Müttern und Kindern, der tödliche Zugriff sucht nach der Quelle des Lebens selbst. Dabei übersteigt das Ausmass der Zerstörung alle bekannten Katastrophen der äusseren Natur.» Corti beschreibt den verbrecherischen Wahnsinn dieser Kriegsclique, wie diese «fahrlässigen und auch verbrecherischen Ignoranten», mit ihren feindlichen Ideologien den Weltfrieden zerstören.
Der Artikel über das Elend des Krieges und das Leid der Kinder war menschlich so engagiert verfasst, dass er ein grosses Echo auslöste und sich spontan zahlreiche Spender, Fachkräfte und Handwerker meldeten, um das Kinderdorf sofort zu bauen. Es war auch das Verdienst des Chefredaktors Arnold Kübler, eine grossartige Persönlichkeit mit humanistischer Gesinnung, der das tief bewegende Heft zum Thema der Kriegskinder gestaltet hat, mit einem eigenen Text und zahlreichen ausgezeichneten weitern Beiträgen von Fachleuten jener Zeit. Ausgehend von Albert Ankers eindrücklichem und einfühlsamem Bild «Die Kinder aus den Urkantonen im Jahre 1798 in Murten», welches angesichts des heutigen Kriegswahnsinns noch zivilisiert wirkt, zeigte Arnold Kübler schonungslos den Kriegswahnsinn in Europa auf. Einer der ganz grossen Schweizer Fotografen jener Zeit, Paul Senn, trug Aufnahmen von sterbenden und leidenden Kriegskindern bei, die «starben, ohne Liebe, ohne Hilfe, ohne Barmherzigkeit». Dass das Dorf in kurzer Zeit von freiwilligen, selbstlosen Helfern, Zimmerleuten, Baumeistern und Fachleuten aller Berufe aufgebaut wurde, zeigt die Natur des Menschen, der auch in schwersten Zeiten hilft und zuspringt. Einen besonders wertvollen Beitrag leistete dern bekannte Zürcher Architekt Hans Fischli, der spätere Direktor der Kunstgewerbeschule Zürich. Ihm gelang es, sich in die Lebenswelt und Gefühlslage der Kriegskinder aus anderen Ländern und Kulturen einzufühlen und ihnen ein Zuhause zu schaffen, wo sie mit Lehrer, «Hausmüttern» und «Hausvätern» aus den entsprechenden Herkunftsländern der Kinder in ganz verschieden gebauten Häusern, in einem Dorf wieder ein Zuhause fanden.

«Diese Bewegung tätiger Nächstenliebe»

Corti schreibt in seiner Schrift «Der Weg zum Kinderdorf Pestalozzi» wie er 1944 zu seinem Aufruf im DU-Heft kam: «Wie alle seine Mitbürger und Kameraden hat auch er sich überlegt, was wir Schweizer angesichts der kranken Zeit zur Linderung des Elends in den Kriegsländern beitragen könnten. Blieb doch unsere Heimat durch eine wahrhaft gnädige Fügung ein zweites Mal verschont. Um so mehr regte sich die Bereitschaft zu helfen, fast mit der Kraft eines Naturereignisses. Aus allen Herzen brachen die Bäche und Ströme des guten Willens. Diese Bewegung tätiger Nächstenliebe wird für immer die geschichtliche Leistung der Schweiz in den Jahren des elenden Krieges und der ersten Nachkriegsjahre bleiben. Wer sie nicht kennt, verkennt die wichtigste Innerlichkeit unserer jüngsten Geschichte, wer an ihr nicht teilnahm, der liess den tiefsten eidgenössischen Auftrag leer. Der Geist Henri Dunants trieb in den Seelen. Was die offizielle Schweiz in seinem Zeichen tat, das lässt sich heute aus den vorliegenden Berichten ersehen, was die Einzelnen einsetzten, für Freunde, für Verwandte, für Unbekannte, das wird sich für immer einer registrierenden Erfassung entziehen. Es war gemessen an der Kleinheit des Landes viel, gemessen am Elend der Zeit immer noch viel zu wenig.»
Bei Kriegsende entstand die vorbildliche Hilfsaktion «Schweizerspende» der Schweizer Bevölkerung. Sie entwickelte sich so eindrücklich, dass der Bundesrat die grosse Spendensumme von 50 Millionen für die Hilfe und den Wiederaufbau in den zerstörten Kriegsgebieten 1945 «mit einem Bundesbeschluss als Beitragsleistung an die kriegsbeschädigten Länder» mit 150 Millionen zusätzlich zur Verfügung stellte. Walter Robert Corti schildert diese historischen und psychologischen Zusammenhänge und Wirkkräfte sehr genau: «Wenn des Nachbars Haus brennt, was können wir dann tun? Wir eilen zu ihm, helfen mit Eigenem aus, zum anderen bergen wir sein Kostbarstes, seine Kinder, in unseren unversehrten Bereichen. So hat die Schweiz, sobald es anging, Nahrungsmittel, Kleider, versendbare Notwohnungen, Medikamente und geschulte Kräfte nach den niedergebrochenen Ländern gesandt, um am jeweiligen nationalen Wiederaufbau mitzuhelfen. Auf der anderen Seite wurde weit über hunderttausend Kindern ein Erholungsaufenthalt von drei Monaten in schweizerischen Familien ermöglicht. Wo sie dabei in die warmen, geordneten Wohnstuben des Mittelstandes und der Bauern kamen, ist ihnen diese Zeit zu Segen und oft geradezu zur Rettung geworden. Hier hat die Kinderhilfe des schweizerischen Roten Kreuzes ganz im Geiste ihres Gründers und im Verein mit der Willigkeit breitester Kreise des Volkes schlicht und praktisch eine wunderbare Leistung vollbrachte. Sie liess sich von der Regel leiten, schwächliche, unterernährte und auch tuberkolosegefährdete Kinder in unser Land einzuladen, bei denen ein Aufenthalt von drei Monaten auch ein positives Resultat erwarten liess.»
Walter Robert Corti schliesst sein Buch mit dem Bezug zu Albert Schweitzer ab: «Eines hilft uns allen lähmenden Streit vergessen und lässt uns weder verzagen noch ermatten: die liebende Ehrfurcht vor dem Leben.» Die Beschäftigung mit dieser Ethik der Nächstenliebe und des humanitären Wirkens, gemeinsam mit diesen vorbildlichen Mitmenschen und Zeitzeugen und dem Besuch im Kinderdorf machten Mut und führten uns die wertvollste Substanz vor Augen, welche die humanitäre Schweiz ausmacht. Sie macht uns aber auch auf die dringenden Aufgaben unserer Zeit aufmerksam: Die sofortige Beendigung des heutigen unbeschreiblichen Kriegswahnsinns und die Durchsetzung des Humanitären Völkerrechts. Von den grausamen Kriegen und Waffen ist heute besonders die Zivilbevölkerung betroffen. Stoppen wir diesen Wahnsinn, gerade auch den Kindern zuliebe!

Walter Robert Corti, Der Weg zum Kinderdorf Pestalozzi, ISBN 978-3-258-06468-0
Auskunft: Stiftung Kinderdorf Pestalozzi, Kinderdorfstrasse 20, CH 9043 Trogen,

Tel. ++41 71 343 73 12

www.besucherzentrum.pestalozzi.ch

Öffnungszeiten des Besucherzentrums:
April bis Oktober 2006: Di bis Fr 13.30 –16.30 Uhr,
Sa und So 10-16.30 Uhr. November bis März

Schüler für den Frieden

Schülerausstellung «A Piece for Peace» des «Nationalen Friedenswettbewerbs»

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Die Ausstellung, «A Piece for Peace» – «Schüler für den Frieden», die bis zum 29. Oktober 2006 im Landesmuseum war, ist im November im Rahmen des Jugendfestivals in Bellinzona zu sehen und anschliessend bis Mitte Januar 2007  bei der DEZA in Bern. Die ausgezeichneten Arbeiten werden dann in der UNO in Genf eine feste Bleibe finden. Der nationale Friedenswettbewerb und die Ausstellung waren so erfolgreich, dass die engagierten Initianten unter dem Motto «A Piece for Peace» weitere Aktivitäten planen.

Was kann man sich Schöneres wünschen als einen «nationalen Friedenswettbewerb» mit Schulklassen der 5. Primarschulstufe aus der ganzen Schweiz? Die Veranstaltung ist ein Beleg für ein vorbildliches pädagogisches und friedenspolitisches Wirken und das Verantwortungsgefühl des Schweizer Bundesrates als Wettbewerbsveranstalter und das Engagement der beteiligten Schulen. Die Schulreformen haben in den vergangenen Jahren auch dazu geführt, dass viele sinnvolle Schulprojekte möglich werden. So hat sich «A Piece for Peace» dem gerade heute so vordringlichen Thema von Krieg und Frieden zugewendet. Was die 41 Schulklassen, diese 1000 Schulkinder aus 21 Kantonen, dazu gestaltet haben, ist grossartig und zeigt uns allen, wie wichtig Kindern und Jugendlichen der Frieden ist und wie zugänglich sie für dieses Thema sind. Die Bilder, Skulpturen, Installationen, Videos, Musikdarbietungen und Texte sind im Rahmen eines nationalen Friedenswettbewerbs entstanden und stehen unter der Schirmherrschaft von Frau Bundesrätin Micheline Calmy-Rey.
Es wurden drei Kategorien vorgegeben: Bilder, Skulpturen und bewegte Kunst (Video, Musical, Songs). Das Interesse an diesem nationalen Friedenswettbewerb war so gross, dass aus Gründen der Fairness 41 Schulklassen ausgewählt wurden. Die Lehrerinnen und Lehrer dieser Klassen haben eine grossartige Arbeit mit ihren Schülerinnen und Schülern geleistet. Jedes Werk ist origineller und schöner als das andere und es fiel der prominenten Jury mit Mario Botta, Jakob Kellenberger, Remigio Ratti, Nelly Wenger und Beat Zemp nicht leicht, sechs Arbeiten auszuwählen und zu prämieren. Diese sechs Siegerwerke und mit ihnen 200 Schüler wurden von der aussenpolitischen Kommission  von Bundesrat Moritz Leuenberger eingeladen und im Rahmen einer Feier gewürdigt. Diese ausgezeichneten Beiträge werden dann Ende dieses Jahres als Geschenk der Schweizer Jugend an die Uno ein festes Zuhause bei der Uno in Genf finden.
Vom 18. bis 25. November werden alle 41 Werke im Rahmen des internationalen Jugendfilmfestivals «Castellinaria» in Bellizona zu sehen sein. Der Friedenswettbewerb wurde durch das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), das Eidgenössische Departement für Verteidigung und Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) und den Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) unterstützt.

Vorbildliche Friedenskulturarbeit für Schule und Elternhaus

Die schön gestaltete Ausstellung informiert auch über jedes Projekt und zeigt die Klassenfotos der Schüler. Jedes Werk ist sehenswert, originell, ernsthaft durchdacht, menschlich mitfühlend und so schön gestaltet, dass der Betrachter innerlich angerührt wird. So zeigen die Exponate einen Reigen mit kleinen Figuren-Puppen, mit Kindern aus allen Ländern und Kulturen oder einen originell gestalteten Tisch mit Stühlen und einem «Friedens-Rezeptbuch», worin eindrückliche Empfehlungen für Frieden und Völkerverständigung von Schülern notiert sind. Herrlich ist auch das Video mit einem speziell inszenierten Musical, vielfältig gestaltete Kreisbilder, Weltkarten-Collagebilder und Weltkugel-Skulpturen zeigen die Vielfalt der Ideen und Zugänge zum Thema Frieden. Beeindruckend ist auch die Uno-Installation mit Original-Emblem, die Mobiles oder die grausige Kriegsmaschinen-Skulptur, welche Menschen verschlingt.
Die Werke der jungen Künstler zeigen dem Besucher deutlich, dass gerade die Kinder den Krieg spontan ablehnen und in Frieden auf der Welt leben wollen. Wer das Schulleben heute kennt, weiss, dass gerade die heutigen Schulkinder im Kontakt mit Kindern aus vielen Kriegsländern leben und lernen. Diese Kinder und ihre Eltern (wenn sie noch leben), wissen, was «moderne» Kriege bedeuten.

Kriege sind heute nicht mehr führbar!

Die wunderbaren Werke sagen uns auch: «Beendet eure wahnsinnigen völkerrechtswidrigen Kriege und tödlichen Rüstungsgeschäfte!» Beim Betrachten und Lesen der eindrücklichen kleinen Kunstwerke kann man sich die interessanten Gespräche zwischen Lehrern und Schülern, untereinander und zu Hause gut vorstellen. Sicher konnten Kinder aus Kriegsländern berichten, sicher wurde den 5.-Klässlern auch erklärt, wie viele Tote, wieviel Zerstörung, Krankheiten und unbewohnbares Land die Schrecken der beiden Weltkriege und der unvorstellbare Atombombenabwurf der Menschheit brachten. Sicher ergab sich die Gelegenheit zu zeigen, wie segensreich das Wirken von Henry Dunants Rotem Kreuz heute überall auf der Welt wirkt, oder wie die neutrale Schweiz als Depositarstaat der «Genfer Konventionen» und Hüterin des humanitären Völkerrechts grosse internationale Verantwortung trägt. Sicher haben die Schüler stufengerecht und in einfachen Worten auch die für alle Menschen gültigen Menschenrechte kennengelernt und erfahren, dass Kriege verboten sind und zu Verbrechen an der Menschheit und am Weltkulturerbe führen.
Ideal sind solche Projekte auch für viele Fächer, in denen Kinder und Jugendliche über «Vorbilder» aufgeklärt werden. Sie erfahren beispielsweise, wie vor 50 Jahren Naturwissenschafter oder Nobelpreisträger wie Albert Schweitzer und Philosophen wie Karl Jaspers und viele Intellektuelle den Krieg und die atomaren Massenvernichtungswaffen vehement bekämpften und für immer verbieten wollten.
Die ausgestellten Arbeiten und dieses Nachdenken über den Wahnsinn des Krieges, den Wahnsinn der Kriegsführer und den Wahnsinn der Kriegswirtschaft führen uns auch die Verpflichtung vor Augen, offen und ohne Beschönigung die heutigen Grausamkeiten des «modernen, technologischen Krieges» mit streng verbotener abgereicherter Uran-Munition (DU) und grausamen Streubomben (Cluster Muniton Coalition, CMC) aufzuzeigen. Soldaten und heute vor allem die Zivilbevölkerung und Kinder sind die Opfer. Die Menschen, die alle keinen Krieg wollen, sterben sofort oder jämmerlich nach Jahren an Krebsleiden durch die Schäden der Uranmunition. Schrecklich sind die Missbildungen der Tot- und Neugeborenen, Missbildungen und heimtückische Krebskrankheiten wirken auf Generationen hin weiter, und die Erde wird für immer unbewohnbar. Diese grausamen Kriege wurden und werden heute absichtlich mit verbotenen Waffen geführt. Nachweislich sind zahllose Opfer bereits aus den Kriegen in Ex-Jugoslawien, aus Afghanistan, aus den beiden Kriegen im Irak und wahrscheinlich auch in Libanon zu beklagen. Jeder vernünftige Mensch, jeder Jugendliche wird dieses Verbrechen an der ganzen Menschheit, diesen Wahnsinn empört verurteilen und sagen: «Man darf heute keine Kriege mehr führen, wir müssen alle unsere Kraft in die Hilfe für diese Opfer und in eine Wirtschaft und Kultur für den Frieden auf der ganzen Welt einsetzen!»
Diese Ausstellung und solche Projekte zeigen auch gut, dass die Vermittlung von Ethik und Friedenserziehung heute durch solche gemeinsamen Arbeiten gut gelingen kann. Hier können Kinder und Jugendliche auf ein im heutigen Leben sinnvoll hinwirkendes Ziel lernen. Sie können mit ihrer Eigenaktivität und Kreativität an Problemen in der Welt mitwirken, ihr soziales Gefühl und inneres Angesprochensein entwickeln und so ein persönliches inneres Friedenskonzept aufbauen, welches für alle Menschen einen tragenden Sinn im Leben gibt.
Die Ausstellung und solche Projekte können in diesem Sinn nur allen Lehrkräften und Eltern mit Kindern wärmstens empfohlen werden.

Landesmuseum Zürich, Tel. +41 44 218 65 11 oder Regula Zweifel, Landesmuseum Zürich, Tel. +41 44 218 65 58.

Das Projekt ist gut im Internet dokumentiert:
www.musee-suisse.ch oder www.pieceforpeace.com